Reality-Theater und ultimativer Kick? Soziologisches Experiment oder Politische Agitation? Theater als Kassiber aus dem Gefängnis nach draußen? Was treibt Regisseure dazu, aus den subventionierten Theaterapparaten aus- und in die Gefängnisse einzubrechen, um mit Gefangenen Theater zu machen? Was bewegt Gefangene dazu, sich auf der Bühne auszusetzen? Und was geschieht, wenn das Gefängnis zur Bühne wird und das Verbrechen zum "Material"?

Die Knasttheaterkompanie aufBruch ist das größte deutsche Projekt dieser Art und lud vom 10. bis 13. Mai 2000 Mittäter aus ganz Europa zum KNASTFESTIVAL in Berliner Gefängnisse und in die Volksbühne, um das Theater hinter Gittern einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen, um die vielfältigen Formen dieser Arbeit zu zeigen und so einen Einblick zu geben in das Spektrum von Produktionen, Arbeitsbedingungen und Arbeitsweisen im Gefängnis. Vom 06. bis 11. Mai öffneten wir die Tore zahlreicher Berliner Gefängnisse für Publikum und am 12. und 13. Mai öffnet sich auch die Volksbühne dem "Regelvollzug".
 
Vielerorts in Europa drängt es Theatermacher in die Gefängnisse, während die subventionierten Bühnen oft zu Theatervollzugsanstalten mutieren.
Initialzündung der Gefängnistheaterbewegung war 1957 Herbert Blaus Aufführung von "Warten auf Godot" vor 1400 Häftlingen im amerikanischen Gefängnis von San Quentin. Der daraufhin vom Häftling Rick Cluchey gegründete, heute legendäre San Quentin Drama Workshop machte nicht nur Cluchey zum freien Mann, sondern fand auch viele Nachahmer, die zwar als mediale Ereignisse wahrgenommen, aber selten wirklich von jemandem gesehen werden.
 
Künstlerische, soziale und politische Prozesse wurden beim KNASTFESTIVAL öffentlich zusammengefürt. Theater im Gefängnis fordert immer, den jeweiligen Hintergrund der Projekte und den Kontext der Orte zu erschließen, die Gefängnisse für Veranstaltungen zu öffnen und die "Institution Gefängnis" im öffentlichen Leben wahrnehmbar zu machen. Denn Theater im Gefängnis geht über die Summe der Schicksale hinaus - es bietet eine Plattform für eine öffentliche Auseinandersetzung über Grundfragen und -werte der Gesellschaft. Die Vielschichtigkeit der geladenen Teilnehmer (Inhaftierte, Künstler, Philosophen, Politiker, Sozialarbeiter, Justizbeamte uva.) und des Publikums sowie die Angeregtheit und des Engagement in den Diskussionen und Veranstaltungen machten deutlich, daß "Gefängnis und Strafpolitik ein kulterelles Phänomen" sind (Nils Christie) und Verbindungen zu allen Bereichen der Gesellschaft existieren.
Der doppelte Fokus "Ausbruchsversuche/Eingliederungsprogramm" war Programm des Festivals. Gerade die Diskussionen um die Legitimation des Gefängisses und der Fall Adriano Sofri (jenes italienischen Schriftstellers, der unter dubiosen und ungeklärten Umständen verurteilt wurde und der noch immer inhaftiert ist) machten die politische Dimension deutlich. Aber auch die zahlreichen Werkstattgespräche mit inhaftierten und nicht inhaftierten Experten zeigten die "künstlerische Arbeit an der Unmöglichkeit" und machte über die erfolgreiche Arbeit einzelner Projekte hinaus die eklatante Diskrepanz zwischen Auftrag und Wirklichkeit der Gefängnisse deutlich.
 
Nie zuvor schienen die vielerorts über Berlin verteilten Gefängnisse so zur Stadt zu gehören wie in den Tagen des KNASTFESTIVALs. In den meisten Anstalten wurden Festivalveranstaltungen gezeigt, manche nur für Inhaftierte, manche öffneten sich dem Publikum von draußen. Vormelder für Ausgänge zum Knastfestival sammelten sich in den Zentralen und einige Freigänger kamen gar vom Ausgang früher zurück, um Veranstaltungen im Knast zu besuchen.
Die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz wurde für den Regelvollzug geöffnet, und selten zuvor wurden die Grenzen zwischen drinnen und draußen so durchlässig wie dort, als sich Künstler, Politiker und Inhaftierte mit dem Publikum mischten. Wer ist denn jetzt drinnen und wer draußen?
 
Ob die Fortsetzung dieser Arbeit ein nächstes KNASTFESTIVAL hervorbringen wird, ist unklar, aber die ersten Folgeprojekte sind bereits entstanden. Donatella Massimilla fand in Berlin internationale Partner für ihre Idee eines "Diary from European Prisons". Stattfinden werden Ortsbesichtigungen, Arbeitsaustausch, Workshops und Gastspiele, um die Kooperation und Netzwerkarbeit zu intensivieren. Nach Cambridge und Belfast im Herbst 2000 wird die Arbeit in den Gefängissen von Paris, Berlin, Wuppertal, Mailand und Rom u.a. fortgesetzt. Die Website Trabant-Tegel ist inzwischen online und ab November 2003 sind sowohl Planet-Tegel, als auch Trabant-Tegel auf Englisch im Netz.

Das KNASTFESTIVAL und die Arbeit von aufBruch steht für ein Engagement, das sich nicht begnügt mit der Kosmetik, die Gefängnisse schöner zu machen. Wir wünschen uns viele Mitstreiter und Partner - vor allem engagierte professionelle Theatermacher, die das Theater wieder als soziologisch kritisches Instrumentarium begreifen und mit ihnen Experten und Querdenker innerhalb der Strafpraxis, die öffentlich die Diskussion weiterführen über das Gefängnis, das verborgene Zentrum der Gesellschaft.
 
Trotz der minimalen finanziellen Mittel des KNASTFESTIVALs und zahlreicher bürokratischer Hürden ist vieles möglich geworden, so z.B. Elena Canovas "Teatro Yeses" mit Frauen aus dem Madrider Frauengefängnis auszufliegen oder TAM, eine Gruppe jugendlicher Straftäter aus Papua nach Berlin zu holen - ein Zeichen dafür, daß manches unmöglich Scheinende möglich ist - vielleicht auch ein Symbol dafür, daß Mauern zu schwanken beginnen.
Dies gelang nur durch die Hilfe und das Engagement unserer Partner und Unterstützer sowie der zahlreichen schlecht bezahlten Mitarbeiter und ehrenamtlichen Helfer, denen wir auf diesem Wege nochmals herzlich danken und ohne die dieses Ereignis nicht Realität geworden wäre.
 
In der Hoffnung auf viele weitere Ausbruchsversuche ...
 
 
KNASTFESTIVAL Theater und Gefängnis
06. bis 13. Mai Volksbühne und 7 Berliner Justiz-Vollzugsanstalten
Veranstalter: aufBruch, Kunst & Knast und Volksbühne
Schirmherr: Michael Naumann, Staatsminister für Kultur
Künstlerische Leitung: Roland Brus und Holger Syrbe
 
Mit freundlicher Unterstützung von: Hebbel-Theater, Italienisches Kulturinstitut Berlin, Botschaft von Spanien, Schwedische Botschaft Berlin, Polnisches Kulturinstitut, Senatsverwaltung für Justiz, JVA Tegel, JVA Lichtenberg, JVA Moabit, JVA Charlottenburg, JVA Plötzensee, JVA Brandenburg, JVA Bautzen, Deutsch-Sorbisches Theater Bautzen, Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur, Senat für Schule, Jugend und Sport, schaubühne am lehniner platz, Theaterwissenschaftliche Institute der HU und der FU Berlin, sowie BBM - Black Box Music.
 
 
bei aufBruch zu bestellen:
Broschüre: "AUSBRUCHSVERSUCHE / escape attemps" / 110 Seiten