Premierenfotos Medienecho KASPAR H.

Ordnung anordnen - Eindrucksvoll: Insassen der Jugendstrafanstalt Berlin spielen "Kaspar H."

Die Bühne gehört ihnen. Es ist ihr Stück, ein Stück ihres Lebens, das sie erzählen. "Ich möchte ein solcher Reiter werden, wie mein Vater einer gewesen ist", rufen sie zu Beginn. Jeder für sich. Auf Deutsch, Türkisch, Französisch, Russisch, Arabisch. Es ist einer der wenigen überlieferten Sätze von Kaspar Hauser, dem Sonderling, dem Wilden, dem Geheimnisvollen und Vergessenen, in dessen Leben sie nach dem ihren suchen.

Eine Collage aus Texten und Musik, die das Thema Kaspar H. berührt, formt das Gefangenenensemble aufBruch unter der Regie von Peter Atanassow. Elf Inhaftierte der Jugendstrafanstalt Berlin erzählen gemeinsam mit Musikern der Musikschule Fanny Hensel von dem Jungen, der aus einer verlorenen Welt kam, der Sprache nicht mächtig, mit rohen Umgangsformen. Erst war er eine Sensation, dann wurde er im Stich gelassen. Die Gesellschaft erprobte an ihm ihre Vorstellungen von Erziehung und von Ordnung und versagte. Er hatte seine Jugend verloren, die Chance auf ein Erwachsensein war ihm verwehrt.

Wie ein Tribunal stehen die Musiker in der Galerie oben im Kultursaal der Strafanstalt, wie Richter über die Gefangenen unten auf der Bühne. "Merken! Und nicht vergessen!" brüllen die oben, ordnen Ordnung an. "Ich will bereuen!", "Man wird aus mir einen anderen Menschen machen" verkünden die unten. Sie konjugieren lateinische Verben, tanzen umschlungen, einen Tango oder ist es doch mehr ein Marsch, ein Kampf? Das Nachdenken beginnt, wenn Füße und Fäuste nichts mehr zu tun haben. Um Frauen und Verlassensein drehen sich ihre Texte, um willkürliche Gesetze, um Träume, Visionen und die Privatsphäre im Gefängnis. Es wird gerappt, marschiert, gebrüllt und filigran sprachwissenschaftlich zum Begriff "Opfer" referiert.

Die Bühnenpräsenz der Darsteller ist überwältigend. Wie sie ihre Texte schmettern, die Worte zuvor im Mund erst erfühlen. Dieses Theater hat mit den Menschen zu tun, mit jenen auf der Bühne und vor der Bühne, mit dem Gebäude, in dem die Bühne steht und mit der Stadt drumherum. Es geht alle an.
(Daniela Zinser, Berliner Zeitung, 3.12.2008; zur Online-Ausgabe des Artikels)

But just like the real Hauser, these boys are not immune to dreams and a sense of their own specialness. At one point in the show, they echo Hauser’s introductory statement of ambition, “I want to become a rider, like my father once was,” and enhance it with their own dreams: “I want to become a racing driver like Michael Schuhmacher once was.” And: “I want to become an actor like James Dean once was,” until finally one voice chimes in: “Whatever happens, I don’t want to become what I have been so far.”
(The Local, 1.12.2008, zur Online-Ausgabe des Artikels)

Der erste Satz, den der ansonsten stumme Junge Kaspar Hauser spricht, als er im Frühjahr 1828 in Nürnberg auftaucht wie aus dem Nichts, erklingt im Vielvölkersprachengemisch von Plötzensee: Russisch, Französisch, Spanisch, sehr viel türkisches Deutsch, dann -zunächst die Fakten über Kaspar Hauser. Und als stünden sie (wie Hauser, wie sie selber noch vor kurzem) vor Gericht, resümieren sie neben dem fremden das eigene Leben. Das "Kaspar Hauser"-Stück mit den jungen Strafegefangenen montiert Szenen über Erziehung und Eingliederung, beides müssen Ziele des Vollzugs sein in einer Anstalt wie dieser.
(Deutschlandradio Kultur, 1.12.2008, Text im Online-Archiv)

Das Kaspar Hauser zugeschriebene Zitat „Ich möchte ein solcher Reiter werden, wie mein Vater einer gewesen ist“ variieren die Darsteller gegen Ende des Abends und gestehen ihre Wünsche. Shahid will ein Rapper wie 2Pac werden, Yasin Fußballprofi. Dann Ginos Geständnis: „Ich möchte kein solcher werden, wie ich bisher einer gewesen bin“. Sagt's mit erstickter Stimme – und das Stück ist aus.
(BZ 10.12.2008, Artikel online)

Alle mal reinhören! Gropi On Air sendet den Mitschnitt der Aufführung:
Ronald Richter interviewt Anstaltsleiter Herrn Fiedler, Dramaturg Jörg Mihan und einige Mitspieler.
Dazwischen Chris Brown, Bushido, Sera Finale und viele andere Independent-HipHop-Titel…
(Gropi On Air - Jugendradio aus der Gropiusstadt, 9.12.2008)