Luzia Braun geht in den Knast - um gutes Theater zu sehen. Das Gefängnistheater "aufbruch" zeigt "Hannibal" in der JVA Berlin-Tegel, es spielen Gefangene." (ZDF Aspekte Reportage (6:46 min), online sehen)
Wie ein Panzer aus Menschenleibern schiebt sich eine Armee in grünen Ponchos über den Freistundenhof der Justizvollzugsanstalt Tegel. "Wir kommen vielleicht nie heraus aus diesem Kessel", brüllt die Stimme eines Kommandanten. Ein Lachen dröhnt aus dem Dunkel der vergitterten Fenster und selbst die Raben auf den Dächern krächzen höhnisch. Denn da spricht nicht nur der Kommandant aus Heiner Müllers Drama "Wolokolamsker Chaussee" (1984-86), sondern auch der Schauspieler selbst, Insasse der größten europäischen Haftanstalt für Männer.(taz, Online-Ausgabe)
Atanassow: "Zwei nach rechts, zwei nach links ... Tempo, Tempo. Jetzt geht's los." Chor: "Eins, zwei drei vier"
Peter Atanassow, schwarze Schirmmütze, schwarze Kleidung, steht aufrecht wie ein Kommandeur. Gefängnis und Armee haben durchaus Ähnlichkeiten, findet er.
"Die Logistik ist militärisch. Verproviantierung, Wäsche waschen, die ganzen geregelten Gänge, die Aufstehzeiten, die Einschlusszeiten und so weiter - das ist Kaserne. Und man ist da eben auch mit Leuten zusammen, mit denen man eigentlich sonst keinen Kontakt gehabt hätte."
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Auf der Diagonalen im Freistundenhof der Justizvollzugsanstalt (JVA) Tegel stehen sich Weltreiche gegenüber. Mächtig gefügt aus Holz, spitzen sich beide pyramidenförmig zu, münden in Plateaus. Golden glänzt die Heimstatt der in weiße Toga gehüllten Römer, schlichte schwarze Uniform mit Käppi tragen die Karthager auf dem grau getürmten Berg gegenüber. Zwischen ihnen liegt die Arena, der ewige Richtplatz politischer Rivalen. Doch ehe sich die Lager aufspalten, ziehen sie als vielfüßige Kampfmaschine ins Feld. Rote Armee sind sie da, im Widerstand gegen die faschistischen Aggressoren. So lässt Peter Atanassow beginnen, was sein freies Theaterprojekt aufBruch mit fast 30 Gefangenen der JVA Tegel einstudiert hat. (Neues Deutschlad, Online-Ausgabe)
Vielleicht sah es ja tatsächlich so ähnlich aus vor über 2200 Jahren, als die beiden Großmächte der Antike, Karthago und Rom, im Zweiten Punischen Krieg aufeinander trafen.
Dass ein rühriger Senator "Time to say Goodbye" geschmettert hat, um den jungen Feldherrn Scipio zu verabschieden, ist allerdings nicht überliefert. Aber Peter Atanassows Inszenierung "Hannibal - Wolokolamsker Chaussee" im Freistundenhof der JVA Tegel stellt schließlich keinen Anspruch auf historische Genauigkeit, sondern spürt dem Wesen des Krieges nach. (Berliner Morgenpost, Online-Ausgabe)
Atanassow legt die Latte entschieden hoch, sind die Texte doch bei Leibe keine einfachen fürs Theater. Heiner Müllers "Wolokolamsker Chaussee", durchgehende Textblöcke aus Blankversen, ganz ohne Figurenzuweisungen. Dem gegenübergestellt Teile aus Brechts "Hannibal"-Fragment und Bruchstücke aus weiteren Müller- und Brecht-Texten, "Der Auftrag", Müllers "Ajax"-Gedicht, Brechts "Baal", "Fatzer", "Mann ist Mann". (Nachtkritik, weiterlesen)
Zudem haben die Mitwirkenden ganze Choreographien einstudiert, aus denen Gruppenbilder und Mannschaftsbewegungen entstehen. Die teilweise zu mehrjährigen Haftstrafen Verurteilten verschiedener Nationalitäten schwitzen unter Armeeplanen und singen komplette Lieder in für sie fremden Sprachen wie Russisch, Türkisch und Deutsch. Sie schlüpfen in blitzschnellen Umzügen aus römischen Togen in deutsche Wehrmachtsuniformen. Das unentwegte Entern der beiden schrägen Spielflächen gleicht Leistungssport.
Bei alldem kommt der Spielwitz nicht zu kurz. Die Mitwirkenden bringen sich als Typen ein, bewahren aber Haltung bei Zwischenrufen aus den angrenzenden Zellen oder Gelächter aus dem Publikum. (ddp-Korrespondent Torsten Hilscher)
Moment der Freiheit
Biografie füllt Text, sagte Heiner Müller. Das zeigt sich nirgendwo so eindringlich wie in der JVA Tegel, wo das Gefangenentheater „aufBruch“ inszeniert.
Text: Mirko Heinemann
Er hat vier Männer getötet, das war 1984. Seitdem lebt er im Männertrakt der Justizvollzugsanstalt Tegel. Ein Vierteljahrhundert hinter Gittern. Er hat hier seine Ausbildung gemacht, er hat studiert. Hinter Mauern, deren Krone mit Nato-Draht gesichert sind. Hinter elektrischen Schleusentüren, an denen Pförtner hinter Panzerglas sitzen. Internet und E-Mail sind verboten, Telefonieren ist nur selten möglich. Besuche? Von wem? Die Welt draußen ist über die Jahre so weit weggerückt, dass er sich fragt, ob sie noch existiert.
Doch die Welt ist noch da. Es gibt Zeiten, da werden Beweise geliefert. Wenn das Team des Gefängnistheaters „aufBruch“ kommt, zum Beispiel. Gegen 14 Uhr werden Regisseur Peter Atanassow und seine sechs Kollegen in das Gefängnis hineingeschleust, wo die Proben stattfinden. Es geht durch ein Labyrinth von Gängen, ein Beamter öffnet den Weg durch die Stahltüren. Das Treffen mit den Gefangenen findet im Gruppenraum statt. Nach und nach kommen sie herein, rund 30 sind es am Ende, alles Männer, viele haben graue Haare. Jeder wird mit Händedruck begrüßt, Neulinge werden von oben bis unten gemustert. Manche sind zurückhaltend, leise, andere poltern lautstark herum. Sie tragen Freizeitkleidung, kurze Hosen, abgetragene T-Shirts. Einige kommen im Jogginganzug. Gestreifte Anzüge gibt es nur im Film.
Anschließend werden die Gefangenen und die Theaterleute von einem Beamten in den Gefängnishof gebracht, wo die Theaterproben stattfinden. Der Hof ist an zwei Ecken von alten Backsteinbauten umgeben, die Fenster haben Stahlgitter. Dahinter liegen die Zellen, aus einigen tönt leise Musik. Gegenüber stehen zwei Betongebäude, grau und abweisend. In der Mitte das Bühnenbild: zwei Erhebungen aus Holz und Stahl. Die eine stellt die Alpen dar, die Hügel der Stadt Rom die andere.
Die Gefangenen stellen sich zu Stimmübungen zwischen den Erhebungen auf. Manche sitzen seit Jahrzehnten hinter Gittern. Viele haben einen Migrationshintergrund. Türken sind dabei, Osteuropäer. Ein Chinese. Es sind verurteilte Mörder, Messerstecher, Drogenhändler. Der Mittverziger, der seit einem Vierteljahrhundert hier einsitzt, bittet darum, nicht mit seinem richtigen Namen genannt zu werden. „Aus Rücksicht auf die Hinterbliebenen“, sagt er. „Bär“ will er genannt werden, weil er Gummibärchen liebt und Stofftiere. Anfang der 80er Jahre hat er in West-Berlin Autos gestohlen und mit Drogen gedealt. Waffen gab es auch, von den amerikanischen Soldaten, die damals in West-Berlin stationiert waren. Sie waren eine gut organisierte Bande, alles junge Leute, das Geschäft lief gut. Bis vier aus der Bande einen Deal auf eigene Rechnung durchzogen – und dabei erwischt wurden. Sie haben ausgepackt. Verräter, hieß es, müssen kaltgemacht werden.
Der Bär war damals 19. „Ich war asozial“, sagt er. Keine Schulbildung, keine Ausbildung. „Die habe ich im Knast nachgeholt.“ Er hat den erweiterten Realschulabschluss gemacht, eine Ausbildung zum Kunstglaser und sich mit der Arbeit sein Studium finanziert. Er wollte Theologie studieren. Die war ihm „zu trocken“, also ist er Missionsschüler geworden. Der Glaube habe ihn gerettet, sagt er. Einen Selbstmord habe er versucht, es hat beinahe geklappt. Die Nahtod-Erfahrung habe ihn zu der Gewissheit gebracht: „Meinen Erlöser gibt es.“ Religion, Glaube, das sei wichtig im Knast, davon ist der Bär überzeugt. „Sonst gehst du elend zugrunde.“ Mit ein wenig Glück kommt er nächstes Jahr raus. Vielleicht aber auch nicht. Draußen wartet niemand auf ihn. Er hat drei Bücher geschrieben in den Jahren, auf einer Schreibmaschine.
„Biografie füllt Text“, sagte der Dramatiker Heiner Müller. Regisseur Peter Atanassow will den Satz mit Leben füllen. Er lässt die Gefangenen Texte aus Müllers Stück „Wolokolamsker Chausee“ rezitieren. Rahmenhandlung ist die Geschichte von Hannibal, Feldherr aus Karthago, der Rom mit seiner Armee herausforderte. Wenn die Männer Hannibals oben aus dem Berg kommen und ihren hungrigen Blick auf das das reiche Rom richten, dann kann man fühlen, was Heiner Müller gemeint haben könnte. Die Truppe ist furchterregend. Dass viele der Darsteller nicht mehr ganz jung sind, macht die Sache noch authentischer. Manche proben mit freiem Oberkörper; es ist heiß. Fast alle sind tätowiert. Einer trägt das Bild einer Frau auf dem Rücken, andere tragen Kreuze, Cannabisblätter oder Namen. Wieder andere völlig verwaschene, unkenntliche Zeichnungen, gestochen von Mitgefangenen mit einer Stecknadel, die in Tinte eingetaucht wird. Produkte der Langeweile endloser Tage in der Zelle.
Das Theater ist eine Abwechslung zum eintönigen Alltag. „Man ist draußen, unter freiem Himmel“, sagt Wolfgang, der seit elf Jahren dabei ist. „Und man zählt jede Probe mit. Totaler Horror, wenn es auf das Ende zugeht. Allein der Gedanke, wieder den ganzen Tag in der Höhle zu sitzen…“ Er schaut leer vor sich hin. Dabei hat er tagsüber einen Job, er kümmert sich um die Sportstätten. Viel schlimmer sei es für die „Nichtarbeiter“, die den ganzen Tag bis auf wenige Stunden in ihrer Zelle eingeschlossen seien. Die dort „fernsehen, fernsehen, fernsehen. Zwischendurch schlafen. Dann wieder fernsehen.“ Man kann zwar in einem der Gefängnisbetriebe arbeiten. Aber selbst für diejenigen, die arbeiten wollen, sei es derzeit nicht einfach, einen Job zu bekommen. Die Wirtschaftskrise hinterlässt auch im Knast ihre Spuren.
Als er seinen Mitgefangenen vom Theater erzählte, sei er verlacht worden. Theaterspielen? Das sei doch was für Kinder. Vergangenes Jahr dann haben sie nach der Premiere aus ihren Zellen Beifall geklatscht. „Spartacus“ wurde gegeben, die Geschichte vom Aufstand der Sklaven. Auch so ein Stoff, mit dem man sich als Gefangener identifizieren kann. Nicht wenige hier gefallen sich in der Rolle des Aufständischen, der sich an keine Regeln hält.
So wie der massige Typ mit den grauen Haaren, nennen wir ihn Johann. Wichtigtuerisch prahlt er mit seinen Straftaten. Mit einem Fleischermesser in jeder Hand sei er in ein Bordell gestürmt. Angeblich, um seine Freundin herauszuholen, die dort festgehalten worden sei. „Nach zwei Minuten hatten vier Albaner kein Gesicht mehr“, sagt er und beobachtet die Reaktion seines Gegenübers. Bedauert er das heute? „Nee, die haben es verdient.“ Aber, „blöderweise“, sei ein fünfter Mann dabei gewesen, der mit der Sache nichts zu tun hatte. Johann wollte nach der Tat fliehen, nach Übersee. In Rotterdam habe er erfahren, dass alle überlebt hatten, auch der Unbeteiligte. Da hat er sich gestellt. „Sonst wär’s nicht unter 15 Jahren ausgegangen“, sagt er.
„Vater, ich habe dir versprochen, Rom zu schlagen“, ruft Paco, der den Hannibal spielt, vom Gipfel der Alpen herunter. Für die Gefangenen ist klar, wer hier gut, wer böse ist. Der Gute ist Hannibal, den der Hunger nach Italien treibt, der den Krieg, das Aufbegehren gegen die Großmacht, zu seinem Lebensinhalt gemacht hat. Atanassow inszeniert Hannibals Armee als Truppe, die an ihre Grenzen geführt wird. Die ihre Führung infrage stellt und sich heftige Debatten liefert. Rom hingegen ist korrupt, alt und verbraucht. Die Senatoren: Weichlinge.
Dann die Texte von Heiner Müller und Bertolt Brecht, gesprochen vom Chor der Gefangenen. „Zieh dir den Hut tief ins Gesicht. Verwisch die Spuren!“ Das, ruft Atanassow den Darstellern zu, „muss knallen“. Es knallt, und wie: Biografie füllt Text, auch hier. Peter Atanassow hat bereits elf Theaterstücke in Gefängnissen inszeniert, davon neun in der JVA Tegel. Ein studierter Schauspieler, der die ganze Palette der Machtspiele in einer Männergesellschaft kennen gelernt hat. Bei Gruppenübungen im Jugendgefängnis zum Beispiel, an denen er teilnimmt. Die Gefangenen sollen aufeinander zu rennen und sich gegenseitig ausweichen. „Es gibt immer zwei, drei, die weichen nicht aus“, sagt Atanassow. „Die wollen mein Stehvermögen testen.“ Sie wollen sehen, ob er Angst hat.
Atanassow ist in Dresden aufgewachsen, der Vater Bulgare, die Mutter Deutsche. Kurz vor Mauerfall wurde er zur Nationalen Volksarmee der DDR eingezogen. Er war Mitglied einer Artillerieinheit, als die Wende kam. Während seine Mitbürger auf die Straße gingen, wurde er auf den Bürgerkrieg vorbereitet. Man erzählte ihm, der CIA habe die DDR unterwandert. Der stes prophezeite Kampf der Systeme sei jetzt ausgebrochen. Er werde den Sozialismus verteidigen müssen. Wochenlang schlief er in Uniform, die geladene Waffe in Reichweite. Man fragte ihn noch einmal, ob er auf Menschen schießen könne.
Seine Erfahrungen beim Militär helfen ihm heute. „Vieles am Gefängnis ist militärisch“, sagt Atanassow. „Die festen Einschlusszeiten, die Verproviantierung.“ Die wilde Mischung der Insassen. Die Disziplin. Auch Atanassow verlangt Disziplin von den Gefangenen. Theater ist für ihn nicht nur eine moralische Instanz, sondern eine Chance für die Gefangenen, den Charakter zu bilden. „Wenn das Gefängnis wie das Militär ist, dann ist das Theater das Manöver“, sagt er. „Man trägt Verantwortung. Man muss sich auf den anderen verlassen können. Man kommt nicht weiter, wenn man sich gegenseitig schikaniert.“ Trägt das Thater zur Resozialisierung bei? Das sei ein zu großer Anspruch, findet Atanassow. Einer der Gefangenen sagt: „Ich habe beim Theater gelernt, Strukturen zu entwickeln.“ Ein anderer: „Es ist die einzige Zeit, in der hier so etwas wie ein Kulturleben stattfindet.“
Hauptdarsteller Paco findet seine Figur, den Hannibal, sympathisch. Weil er Rom auf die Knie gezwungen und es dennoch nicht eingenommen hat. Weil seine Armee aus vielen Völkern bestand. Paco ist, wie er sagt, „waschechter Moabiter“, seine Familie stammt aus der Türkei. „Hannibal war kein diktatorischer Führer“, glaubt er. „Er hat sich nicht als jemand Besseres gefühlt. Das war wie in einer Familie: Einer für alle.“ Es klingt wie ein Motto für das zusammengewürfelte Ensemble, das die Gefangenen bilden. Sieben Wochen lang proben sie zusammen, jeden Wochentag, sechs Stunden lang. Viel Arbeit, viel Raum für Konflikte, aber auch für deren Lösung. Auf dass am Ende eine Arbeit steht, mit der „aufBruch“ seinen Ruf als professionelles Theater verteidigen kann.
Den Darstellern geht es um etwas anderes: Um das Gefühl, vor Publikum zu stehen, das von „draußen“ kommt. Einmal eine Leistung abzuliefern, die Applaus verdient. Für eine kurze Zeit nicht fremdbestimmt zu sein. Für eine kurze Zeit wie frei zu sein.
(Zitty - Das Hauptstadtmagazin)
