Fotoalbum Pressespiegel Interview RÄUBER.GÖTZ

... Timur D. genießt seinen Auftritt. Er steht unter blauem Himmel auf dem brachliegenden Freistundenhof, das ist seine Bühne, seine Freiheit - für sieben Wochen, werktags von 14.30 bis 21 Uhr. Da wird geprobt, mit Regisseur Peter Atanassow und dem zwölfköpfigen "aufBruch-Team" von draußen. ...
"Ich muss allen klarmachen: Das hier ist kein Freizeitspaß. Ich bin kein Therapeut und kein Pädagoge. Ich will ein Theaterprodukt abliefern", sagt er.
Man müsse konsequent sein, aber nicht autoritär. "Denn angeschrien und rumkommandiert werden sie hier den ganzen Tag". Atanassow will mit dem Theater Fragen stellen, die alle verstehen sollen, selbst wenn sie die Antworten nicht wissen. Einige Zeit verbringt er damit, den Gefangenen seine Regieanweisungen zu erklären. ...
Kamen in der Anfangszeit rund 50 Besucher, vor allem Angehörige und Bekannte des Theaterteams, sind die Aufführungen inzwischen mit mehr als 200 Zuschauern pro Abend fast immer ausverkauft. Nach dem Stück ist das gemeinsame Beisammenstehen zum Ritual geworden. In offenem Gespräch unterhalten sich Drinnen und Draußen, Gefangene mit Studenten, Bildungsbürgern, Sozialhilfeempfängern. Die Schauspieler genießen das Lob, und die Zuschauer bauen einige Vorurteile ab, auch weil sie nach langwierigen Sicherheitskontrollen für zwei Stunden selbst ein Stück Freiheit abgeben. Ein Austausch über Mauern hinweg, der das Projekt ausmacht. (Berlin Online)

Ritter-Rap im Gefängnishof
Die Truppe des Raubritters Götz besteht aus der normalen Tegeler Mischung. Ältere Männer, blass und dünn oder mit mächtigem Bauchvorsprung, jüngere Männer mit breitem Kreuz und muskelbepackt, Polen, Türken, Araber, Deutsche, Mörder, Sexualstraftäter, Räuber und Gauner. ...
Iwan, ein Kraftpaket mit deutsch-russischen Wurzeln, pumpt großes Pathos durch seine Kehle, schleudert die Silben mit rollendem „R“ gegen die Zellenfenster des angrenzenden Blocks. Iwan ist von den deutschen Klassikern völlig beseelt, schreibt eigene Gedichte über Götz und seine Mannen, zieht Parallelen zum Machtkampf zwischen Bush und Putin und möchte, wenn er in gut zwei Jahren entlassen wird, unbedingt weitermachen mit dem Theaterspielen. ...
Aufbruch hat über die Jahre ein Verfahren entwickelt, wie Theater im Knast funktionieren kann. Jeder Produktion gehen zeitraubende Castinggespräche voraus. An den Probentagen gibt es Sprech- und Lockerungsübungen. ... Ein Ritter verfällt auf der Rampe zur Burg plötzlich in einen polnischen Rapgesang. Das war sein persönlicher Wunsch, sagt Produktionsleiterin Sibylle Arndt. (Der Tagesspiegel Berlin zum Artikel)

Doch einmal im Jahr wird der monotone Knastalltag durchbrochen. Dann mausert sich dieser triste Ort zum Theaterspielplatz und bekommt eine Bühne, die in den anstaltseigenen Werkstätten gebaut wird. Diesmal ist sie ein mit Blech verkleidetes Ungetüm, das eine Ritterburg darstellt.
In dem Stück "Räuber.Götz" schrubben ein Dutzend Männer den Boden vor dem Burgtor, kniend mit freiem Oberkörper und Armeehosen. Die Stimmung ist gereizt. Es gibt Streit, der sich zur Schlägerei ausweitet. (taz zum Artikel)

... Zum Schluss tönt inbrünstig der Chor: „Himmlische Luft! Freiheit, Freiheit! - Die Welt ist ein Gefängnis.“ Der mehrstimmige Ruf wird über die Mauern hinweg getragen. Dann übertönt den Nachhall der Applaus.

Die Vorstellung ist vorbei und die Zuschauer nähern sich schüchtern den Darstellern. Eine halbe Stunde dürfen sie ihnen Fragen stellen. Dann müssen die Schauspieler zurück in ihre Zellen. ...
„Der Knastalltag ist grausam, 23 Stunden sitzt man in der Zelle, das wünsche ich niemandem“, sagt auch Ivan Jakovlev–Pillau. Der riesenhafte Russe war einmal Sportjournalist. Dann kamen Alkoholprobleme. „Hier im Gefängnis hat mir die A-Gruppe, die Selbsthilfegruppe, geholfen, und auch die Arbeit für das Theaterstück. Es macht riesengroßen Spaß. Obwohl es manchmal knochenhart ist.“ Er lacht: „Unser Regisseur ist da sehr preußisch, ein Perfektionist, es ist härter als bei der Bundeswehr im Bosnien-Einsatz, oder so.“ Wenn Ivan in zehn Monaten rauskommt, nach fünfeinhalb Jahren insgesamt hinter Gittern, dann ist “Schluss mit dem damaligen Leben, Schluss mit Alkohol, raus ins Leben!“ - auch auf die Bühne? „Ja, auf die Bühne! Warum nicht? Ich habe ja ein Stück geschrieben. Unser Dramaturg Jörg Mihan, der auch an der Volksbühne arbeitet, hat mir geholfen.“ Nach seinen selbst verfassten Texten gefragt, rudert er strahlend mit den muskelbepackten Armen: „Das eine ist eine Dreiecksgesichte über Frida Kahlo, Leo Trotzki und die Stalinisten, und das andere ist eine Geschichte über Erich Honnecker. Und gerade schreibe ich an einem Stück über Matthias Rust, der auf dem Roten Platz gelandet ist. Also ich habe Ideen ohne Ende, Zeit habe ich auch. Und das alles Dank unseres Theaterprojekts.“ ... (Tagesspiegel Online)

... Die ungewöhnliche Kombination aus schweren Jungs und alten Meistern, aus räumlicher Enge und poetischer Freiheit ist auch für Berliner Zuschauer eine grenzüberschreitender Erfahrung der besonderen Art. ... (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

 

... wirken gerade die choreographierten Ensembleszenen, die Aufmärsche und Kämpfe besonders stark. „Das liegt an unserem genialen Choreoraphie-Meister aus Mazedonien“, schwärmt Ivan in breitestem russischen Akzent, „der schweißt uns zusammen. Wir sind in dieser Arbeit mit ihm ein Team geworden. Er investiert enorm viel Zeit und teilt sogar seine Seele mit uns.“ Der 'geniale Choreographie-Meister aus Mazedonien' ist der kroatische Mime und Choreograph Aleksander Acev, seit vielen Jahren Lehrer für Körpersprache und Bewegungstechnik. Für aufBruch arbeitet der Community-Projekt-erfahrene Künstler das erste Mal. Das Ergebnis ist beeindruckend... (TanzZeitung)

... Im Work-in-progress-Verfahren werden die Stücke entwickelt. Ausgangspunkt ist ein Text – bei der jetzt zusehenden Jubiläumsinszenierung ist das Goethes “Götz von Berlichingen” -, der dann in der Probenarbeit durch andere Texte von Ernst Toller und Gerhard Hauptmann erweitert und verändert wird, bis die Spielfassung perfekt ist. In diesem offenen Probenprozess entwickeln die Darsteller auch eigene Texte, um ihre Situation zu erkunden und damit dem tristen Vollzugsalltag etwas entgegenzusetzen. ... (ZITTY Berlin)

 

... "We work with unusual people, people who tend to exceed normal limits," adds the director. "Their personalities have been shaped by the fact that they are not confined by social restrictions. That's what you look for in good actors -- people who go beyond their limit." (Variety INTERNATIONAL)



... Ein wildes Stück. Ein Theatererlebnis. (Neues Deutschland)

Wer die ungewöhnlichste Freilichttheater-Aufführung der Saison sehen will, sollte mindestens fünf Tage vor der Vorstellung seine Karte kaufen, dabei Namen, Geburtsdatum und Meldeadresse angeben und nicht vergessen, zum Theaterbesuch einen gültigen Ausweis mitzunehmen. Bevor man zum Spielort durchgelassen wird, muss man alle Wertsachen, Handys und Taschen einschließen, sich in Listen eintragen, den Personalausweis gegen eine Besuchernummer tauschen und sich in kleinen Kabinen filzen lassen. Das Theater vor dem Theater ist eine beeindruckende minimalistische, mit stoischer Routine abgespulte und ziemlich reale Inszenierung, an der nicht Schauspieler, sondern freundliche Justizbeamte mitwirken ... (TIP Berlin)