In einfachen wie wirkungsstarken Choreographien (Valérie Kroener), in sinnfällig gesprochenen chorischen Passagen führen sie die Geschichte jenes Mannes vor, an dem sich die Rechtssprechung seit zweieinhalbtausend Jahren die Zähne ausbeißt. ... Regisseur Peter Atanassow vertraut dem Text und dessen mächtiger Sprache aufs Herrlichste. In formstrengen Bildern dekliniert er den unlösbaren Widerspruch durch. Unterwegs holt er jedes der 24 Männergesichter einzeln ans Licht. Mittels zusätzlicher Texte und eigener Kommentare (schlaue Dramaturgie: Jörg Mihan) erklingen die Stimmen. ... Sie singen wunderbar. Im Chor wiederholt die disziplinierte Meute den Satz "Viele Männer sind in einem Mann". Der Saal hält die Luft an. ... In der JVA Tegel den "Horatier" zu spielen, ist eine Spitzenidee. Der Abend ist ein Glücksfall, auch fürs Theater. Selten ist Heiner Müller derart elementar zu begreifen. Der haltbare Text trifft auf kraftstrotzende Männer, die lange Haftstrafen absitzen. Dass sie wegen schwerer Delikte im Knast hocken, vergisst man mitunter. Dass sie Laien sind, vergisst man allemal. (Berliner Zeitung)
Strafgefangene brillieren mit Müller-Stück
... Die etwa 25 Insassen der Justizvollzugsanstalt Tegel spielen voller Inbrunst das schwierige Stück. ... Schon das frühe "Ballett der Beile" beeindruckt mehr als manches Profitheater... (Berliner Morgenpost)
... So tief ist ein Heiner-Müller-Stück wohl selten, so gut konnten Schauspieler den Dramatiker bisher kaum interpretieren. ... Großartige Ensembleleistungen, wunderbare Bilder und deftige Trommelrhythmen machen den Abend auch zum ästhetischen Erlebnis. (Neues Deutschland)
... Mit hoch erhobenen Äxten gehen die Gefangenen in der Justizvollzugsanstalt Tegel (JVA Tegel) schreiend aufeinander los. Der Sicherheitsdienst schaut seelenruhig aus dem Glaskasten zu. 25 Männer in Springerstiefeln und knöchellangen schwarzen Röcken kämpfen martialisch - alles ist nur ein Spiel. Ein Theaterspiel. Und jetzt wird geprobt. Die täuschend echten Äxte sind aus Kautschuk. Die Muskelpakete an Oberarmen, die Tattoos und vielen Glatzen aber sind real. ... (taz, Artikel bei taz-online)
Manchmal scheint es sogar, als hätten Müllers gestochen scharfe Bemerkungen nur darauf gewartet, genauso ungekünstelt, so rauh, so unglaublich direkt ausgesprochen zu werden wie es diese Männer tun.
Müllers Stück um den Helden Horatius ... ist bereits ein funkelnder dialektischer Diamant. Doch diese Inszenierung im Tegeler Knast verleiht im ungeahnte Wucht. Ein Stück für Männer, die mehr über den Fluch ihrer Kraft erfahren wollen. (Zitty)
Die Vorstellung ist wie fast immer ausverkauft. Rund 120 Zuschauer sitzen auf kargen Tribünenbänken. Am Eingang haben sie alle portablen Insignien bürgerlicher Existenz abgeben müssen: Portemonnaie, Handy, Schlüssel und Taschen. In der neonbeleuchteten Halle, wo sonst LKW entladen werden, wird jeder Theatergast noch mal gründlich gefilzt. Nur mit einer grünen Besucherkarte, dem Rückfahrschein in die Freiheit, betreten die Besucher die fremde Welt. (Spiegel online, Artikel bei Spiegel online)