Aufführungsfotos Russische Presse Impressionen Russisches Tagebuch Der Bürgermeister (Russland)

Die nachfolgend zitierten russischen Zeitungsartikel zeigen, wie verschieden das Projekt und die Aufführung wahrgenommen wurden. Alle Artikel sind sehr lesenswert, weswegen wir Ihnen die Übersetzungen zusätzlich ungekürzt als pdf-Dokument anbieten.

... Alle diese Jungen sind in den Konflikt mit dem Gesetz geraten. Aber vom rechten Weg abzukommen ist doch so leicht! Sie sind schutzbedürftige Kinder und gemeingefährliche Personen zugleich. Ihre heutigen Gedanken werden zu ihren späteren Taten und deshalb ist es so wichtig, dass die Jungen besser werden. Sonst haben sie keine Chance, sich im Sozium zu adoptieren. Die Angelegenheit ist ernst. ... Man möchte hoffen, dass die Jungs über das gespielte Theaterstück nachdenken und richtige Schlussfolgerungen ziehen werden. Wenigstens einer von ihnen. Dann kann Peter Atanassow sich sicher sein, dass er nicht umsonst nach Russland gekommen ist. ... (Kultura, Artikel herunterladen)

... "Im Grunde genommen sind solche Inszenierungen keine Umerziehungsmethode", – erzählte der Regisseur Peter Atanassow unserem Korrespondenten. "Die Aufführung bietet den freien Menschen die Möglichkeit, einen Blick hinter die Gitter zu werfen und den Gefangenen sich zu präsentieren. Unser erzieherischer Aspekt ist einfach: auf der Bühne lernen die Jungs korrekt miteinander umzugehen, anders als in ihrer Umgebung."
... Nach zwei Monaten Probenarbeit eroberte das Theater die Seelen der jungen Schauspieler für immer. Sie gaben zu, dass sie gern ihr Leben mit dem Theater verbinden würden. Wie Peter Atanassow anmerkte, wurde die Schauspielkunst den Jungs nicht speziell antrainiert, aber trotzdem konnten sich viele in ihre Rollen einleben, insbesondere die Darsteller des Lanzelot, des Bürgermeisters und des Drachen. Bereits in der Eingangsszene der Aufführung wurden die Zuschauer durch die gut eingespielte Arbeit der Schauspieler hypnotisiert.
... Die Praxis zeigt, dass für minderjährige Verbrecher die Kunsttherapie eines der effektivsten Mittel zur Rehabilitation darstellt. Die Bereitschaft zur Teamarbeit, zur Bewältigung gemeinsamer Aufgaben ist zweifellos wichtig für das gegenwärtige und künftige Leben dieser Jugendlichen. ... (n.n., Artikel herunterladen)

... Die Fabel ist folgende. Ein Typ namens Lanzelot kam in die Stadt, deren Pate der Drache war. Der Drache bot der Stadt Schutz und verlangte dafür einen Preis: die Bürger beliefern ihn mit hübschen Mädels. Eine im Jahr. Seit 400 Jahren. Was der Drache mit ihnen gemacht hat? Fragen Sie lieber nicht. So kam auch das Mädel namens Elsa dran. Sie nahm von den Freundinnen Abschied, knutschte mit Papa, goss die Blümchen und wartete schön. Und auf einmal erschien der Lanzelot. ...
Die Hauptdarsteller:
Lanzelot: Alexej Nikolin, Artikel 111, Paragraph 4 des Gesetzbuches, ("Vorsätzliche Verletzung mit Todesfolge"), 5 Jahre Gefängnisstrafe.
Drache: Stanislaw Glumnow, Artikel 132 des Gesetzbuches, ("Vergewaltigung"), 7 Jahre Gefängnisstrafe.
Regisseur: Peter Atanassow, freier Bürger, deutscher Staatsangehörige.
Oberst Oleg Nominat, stellvertretender Leiter des Gefängnisses in Ikscha.
... Und wer spielt Elsa? Keiner. Es gibt keine Elsa in dieser Inszenierung. Weil es kein Frauengefängnis ist. Hier sitzen Kinder ein wegen nicht kindlicher Vergehen. Mörder, Vergewaltiger, Ganoven, Einbrecher, Diebe. Spielt so einer mal eine Weiberrolle – wissen Sie, was mit ihm dann in der Abendruhe geschieht? ... (Iswestija, Artikel herunterladen)

... Der Problemkreis, den die deutschen Enthusiasten den jugendlichen Straftätern zur Auseinandersetzung anbieten, ist mit Sicherheit nicht nur für sie gedacht, sondern auch für deren Erzieher und für die Mehrheit der russischen Zuschauer. Die Fabel des Märchens von Schwarz ist fast komplett verdeckt unter Zitaten aus Theaterstücken des Postmodernisten Heiner Müller, Liedertexten Blixa Bargelds, Ausschnitten von Nietzsche und Schiller. Natürlich gibt es in der Inszenierung keine Charaktere, psychologische Nuancen und alles andere, was darzustellen die straffälligen Schauspieler nicht in der Lage wären. Dafür gibt es zwei Chöre und deren Protagonisten – Lanzelot und den Bürgermeister und es gibt auch noch den Drachen, dessen Rolle von zwei Jungen gleichzeitig gespielt wird, beide in den gleichen bronzefarbenen Mänteln. Die Massenszenen, die das Gerüst der Inszenierung ausmachen, spielen die kahlgeschorenen Gefangenen mit fast deutscher Genauigkeit und geben sich eifrig der Erfüllung von komplizierten Szenenaufgaben hin. ... (Wremja, Artikel herunterladen)

Für die minderjährigen Sträflinge ist die Aufmerksamkeit der Zuschauer, der Journalisten, die Arbeit mit der deutschen Theatergruppe an sich – noch ein Gericht. Und das Theaterstück – der Gerichtsprozess. Von der Bühne, wie von der Angeklagtenbank aus die unerbittlichen Gesichter der Zuschauer-Geschworenen fixierend, jämmerlich zu den Regisseuren-Verteidigern blickend, brachten die jungen Angeklagten Beweise der inneren Reue für ihre Untaten an den Tag. Als es im kalten Saal des Dorfclubs wieder Licht angeschaltet wurde, verkündeten die Zuschauer einen Freispruch – sie applaudierten im Stehen.
Nach der Aufführung erzählte uns eine der Projektautorinnen Dramaturgin Christine Boyde, warum es mit den nichtsnutzigen Jugendlichen hinter dem Stacheldraht leichter ist, zu arbeiten als mit den erfahrenen Schauspielern in der Freiheit. "Kaum zu glauben, aber diese Jungs geben sich völlig ihrer Arbeit hin. Ich sah, wie sie Tag und Nacht an ihren Rollen arbeiteten. Der Bühnenauftritt für sie ist kein Schauspiel. Sie nehmen kein psychologisches Profil des einen oder des anderen Protagonisten an, sondern erzählen den Zuschauern von sich selbst und ihrer Lebenserfahrung".
Und den 17-jährigen Lanzelot-Darsteller Alexei Nikolin, der viel über die Sklaverei und die Freiheit nachdachte, fragte man: "Wo ist deiner Meinung nach die Freiheit: im Gefängnis oder außerhalb des Gefängnisses?" Alexej, der wegen Raubüberfalls einsitzt, sagte, dass die Freiheit auf der Bühne sei. Und im Saal weinte leise seine Mutter. (Nowye Iswestija, Artikel herunterladen)