Protokoll Presse Sprechstunde zur Lage der Nation

Die Veranstaltung fand am 28. 11. 2000 im Kultursaal der JVA Tegel statt. In drei aufeinanderfolgenden Durchläufen um 17.30, 18.30 und 19.30 trafen jeweils ca. 25 Besucher auf 23 Gefangene, alles Mitglieder des Gefangenentheaterensembles aufBruch.

Vorausgegangen waren vier intensive Probentage, in denen die Darsteller auf die Gespräche mit den Besuchern vorbereitet, die Fragebögen entwickelt und die Gesprächsthemen der einzelnen Gefangenen geprobt wurden. Die Darsteller sollten den Besuchern von draußen Beratung zu allen Lebenslagen geben - so entstanden Dialoge, in denen die Grenze zwischen Drinnen und Draußen, Realität und Fiktion, Inszeniertem und Improvisiertem durchlässig wurde.

Eine Beschreibung, die einen Eindruck vom Ablauf und der Atmosphäre der Veranstaltung vermitteln soll:

Die Zuschauer betreten den Raum und blicken auf 25 gleichmäßig im Raum verteilte Tische, hinter denen reglos 23 Gefangene sitzen. Zwei Tische sind unbesetzt. Vor sich haben die Gefangenen Papiere, Stifte, Thermoskannen, Blumen, Photos und andere persönliche Gegenstände liegen, auf jedem Tisch steht eine Schreibtischlampe.

Am Ende des Saales befindet sich ein erhöhtes Podium mit einem schwarzen langen Tisch, an dem schwarzmaskierte und -gekleidete Gestalten sitzen, einige von ihnen haben eine Videokamera oder einen Photoapparat in den Händen.

Auf der Wand dahinter ein projizierter Slogan: Mitten im Leben.

Es ist dunkel, nur ein wenig Streulicht aus der mit einem Beamten besetzten Wachloge erhellt die Szenerie.
Eine schwarzgekleidete und vermummte Gestalt weist stillschweigend die Besucher an, auf der Wartebank Platz zu nehmen. Auf den Stühlen liegen Prospekte von Versicherungen und Banken ("Haben Sie uns schon einmal nachts besucht?") ein paar Ausgaben der Gefangenenzeitschrift Lichtblick und die Broschüre 100 Jahre Tegel. Langsam wird die Stille spürbar, man hört sich ein in die vom Hof hereindringenden Geräusche, nimmt die am Flughafen Tegel startenden oder landenden Flugzeuge wahr - da gehen eine nach der anderen die Schreibtischlampen an und die Gesichter und Haltungen der Darsteller werden sichtbar.

Ein Gong, der an das Arbeitsamt erinnert, eröffnet das Spiel und erweckt die Sachbearbeiter zum Leben. Ein Maskierter auf dem Podium ruft über Mikrophon die Besucher anhand ihrer Anstalts-Besucherkarten auf: Nummer 21 bitte an Tisch 5, Nummer 18 an Tisch 11 usw. Die Sachbearbeiter beginnen dabei, ihre Papiere zu ordnen, lesen Zeitung, schenken sich Kaffee ein. Meist zögerlich nähern sich die Besucher dem jeweiligen Tisch, suchen sich ihren zugeordneten Platz. Jeder wird begrüßt, mal schweigend, mal mit einem, "Was kann ich für Sie tun?". Dann die Aufforderung, einen Fragebogen auszufüllen. Den Besuchern wird freigestellt, Realnamen oder Pseudonym zu benutzen. Die Fragen reichen vom Berufswunsch und Lieblingsreiseziel über Wohn- und Einkommensverhältnisse bis hin zu persönlichen Fragen, wie z.B. wann hast du das letzte Mal deine Mutter besucht?, Häufigkeit von Geschlechtsverkehr pro Woche, und weiter zu Fragen wie: was bedeutet dir Freiheit? Was Sicherheit? Dein größtes Risiko? Deine größte Angst?

"Banale Fragen, die jedoch schnell einen anderen Klang bekommen, wenn sie von den Häftlingen kommentiert werden." (FAZ)

Nach fünf Minuten beginnen die Sachbearbeiter, die Fragebögen durchzusehen, Rückfragen zu stellen, nachzuhaken: Wenn das dein Berufswunsch ist, warum bist du das nicht geworden? Was ist da schiefgegangen? Sie verwickeln ihr Gegenüber in ein Gespräch und übernehmen die jeweilige Beratung, erzählen von ihren eigenen Geschichten und geben Ratschläge aus der eigenen Erfahrung heraus. Die meisten gehen auf die Antworten der Besucher ein (es ist die geprobte Strategie, nach den Defiziten des Besuchers zu suchen) und führen die ihnen wichtigen Themen ein. Andere monologisieren über Frauen, Autos, Verbrechen, die Vergangenheit, Meditation ...
Jedes der Gespräche verläuft anders, jedes bewegt sich zwischen Fiktion und Wirklichkeit. Jeder Darsteller entscheidet selber, wie viel er über sich preiszugeben bereit ist oder inwieweit er die Figur des Sachbearbeiters schützend vor sich setzt.
 
Die 2er-Gespräche werden von den Maskierten gefilmt und photographiert, Mikrophone werden stichprobenartig auf die Tische gestellt: Supervision. Die Kontrolle, Bespitzelung und Gängelung ist eine Gefängnissituation im Gefängnis.
Jeder Besucher wechselt auf Aufforderung des Maskierten auf dem Podium noch zweimal den Tisch, so dass jeder am Ende drei Gespräche geführt hat. Mancher Besucher findet sich an Tisch 13 wieder, der unbesetzt mitten im Raum steht. Niemand erwartet ihn dort, außer einem Schachbrett, bei dem die Damen verschwunden sind. Gegebenfalls begegnet er dort einem anderen Besucher und ein Gespräch einer anderen Art entsteht.
 
Gerade wenn ein wenig Ruhe eingekehrt und Nähe aufgekommen ist, reißt wilde Musik die Sachbearbeiter von ihren Stühlen, im Rhythmus des easy listening grooves rennen sie mit grotesken Bewegungen durch den Raum, tanzen zum Teil auf Tischen und Stühlen: 40 Sekunden, in denen die Behörde einem Irrenhaus gleicht. Als die Musik stoppt, gehen sie zügig zu ihren Tischen zurück - wo waren wir stehen geblieben?

Die Darsteller erzählen vom Leben in Tegel, vom Tagesablauf, Sex, Schuldenburg, Einkauf, Essen. Auch Geschichten über Hintergründe und Taten kommen ans Licht der Schreibtischlampe. Der eine bietet spielerisch therapeutische Lebensberatung, ein anderer philosophiert über die Bedeutung von Sicherheit im Leben. Es gibt Therapiegespräche, Einführung in Meditationstechniken, Tips und Angebote zur Ausführung verschiedenster Verbrechen, manche spielen mit dem Gedanken: Tegel ist schön, ich krieg alles ans Bett gebracht. Dem einen gelingt es, seinem Gegenüber einen Ohrring oder Schal abzuschwatzen, ein anderer erobert einen Schnürsenkel, am Ende werden Aufträge verteilt: überstell einen Brief für mich, trink auf dem Weihnachtsmarkt einen Glühwein für mich, spuck mal dort in den Brunnen, grüß meine Frau ...  Der Fragebogen verbleibt bei den Sachbearbeitern, diese verteilen Visitenkarten mit der Aufschrift: Es beriet hier Frank Giesen, Seidelstr. 39.

Die letzte Minute wird über Lautsprecher angesagt, dann heißt es: "Einschluss. Danke." Die Darsteller erstarren in der Haltung, in der sie gerade sind. Manch einer der Besucher versucht noch vergeblich sich zu verabschieden, die angebotene Hand und der Gruß werden jedoch nicht mehr erwidert: "ich weiß, dass Sie mich jetzt hören, ich sage dann mal ... Wiedersehen ... ". Während sich die Besucher zum Ausgang bewegen, erklingt Sinatras "My Way", das Neonlicht springt an, die Zuschauer blicken auf die eingefrorenen Darsteller. Tegel, ein Wartesaal.

Auf der Wand hinten steht jetzt zu lesen: Wir öffnen Horizonte.