Presse Probentagebuch Endspiel

4. Februar 2000, TA V - Treffen im Pavillon, unserem Probenraum, der sonst als Sprecherzimmer dient. Erste Lektüre des neuen Stückes, keiner hat je davon gehört. Es wird gemeinsam gelesen, in Auszügen. Manche können nicht lesen, manche haben erst im Gefängnis Lesen und Schreiben gelernt, entsprechend schwierig ist die Annäherung. Erste Beschreibungen: "die könnten auf einer Insel leben." "Alcatraz!" - "Aber da gibt's keine Fenster!" / Im feiert heute Silvester und begrüßt uns im Jahr des Drachen:

Im: "Ich spreche perfekt chinesisch, aber leider nur wenig deutsch."

 

11. Februar, TA VI - Paar-Improvisationen. Einige suchen sich bereits jetzt ihren Spielpartner.

Clov zu Hamm: "Ich bin derselbe, aber du bist nicht derselbe."

 

14. Februar, TA VI - langsam kehrt Regelmäßigkeit ein, immerhin fehlen heute nur zwei von 17. Warm-up/ Erinnerungsübungen/ gemeinsam improvisierte Zusammenfassung der Fabel von Endspiel /

Frank: So wie jeden Tag beginnt für Hamm und Clov der Tag... Ganz rhythmisch wird der Tag vonstatten gehen. Während Clov in seiner Küche auf den Pfiff wartet, überlegt sich Hamm schon die nächsten Gemeinheiten, die er ihm bereiten kann...

Wolfgang: Ich warte in meiner Küche, bis er mir pfeift ... Vielleicht denkt er sich Gemeinheiten für mich aus...

Frank: Mit Sicherheit.

Wolfgang: Er heuert mich an, um die Leiter zu holen.

Stefano: Naja, was erwartest du denn? Ich bin blind und kann auch nicht gehen. Jeden Tag dieselben Zicken...

Wolfgang: So kriegst du gar nichts von mir.

Stefano: Was erwartest du, mir macht es doch Spaß, dich zu triezen.

Ilhan: Ich hatte mal einen Freund... der war verrückt und glaubte, die Welt würde untergehen.

Uwe (redet gegen Renés Gemurmel an): Du hältst die Klappe, wenn ich rede, hast du die Klappe zu halten. Ich sage dir, was du zu tun hast.

Stefano: Sklaventreiber!

Uwe (redet unbeeindruckt weiter): Du hast dafür zu sorgen, dass ich ins Bett komme, dass ich zu Essen kriege...

René: Was soll ich tun? Bin ich etwa schuld daran, dass du nicht laufen kannst?

Uwe: Ich kann nicht laufen. Ich bin blind. Ich habe ein Problem, wenn du mit deinen Sackläusen... oder Filzläusen...

René: Filzläuse. Gibt's die noch? Ich hol' den Insektentod. ... Mitten in die Fresse.

Uwe: Doch nicht mir! Dem Vieh!!!



18. Februar, TA VI - Ibrahim macht nicht mehr mit, weil bei dem letzten Projekt das Kostüm beim Waschen eingelaufen ist. Im muss am nächsten Tag Diktat in der Schule schreiben, kann deshalb nicht kommen. Guillermo und Ivo sind nach einer Probenpause nicht mehr da. / Die erste Hälfte der Fassung wird gelesen. / Improvisationen an Tischen: Behinderung. /

Uwe fragt den Dramaturgen: Hast du das geschrieben? - Nein, Beckett. - Na, der soll mal kommen! - Der ist schon tot. - Hat er Glück gehabt.

 

22. Februar, TA V - Leseprobe. Nach vier Minuten Streit. Frank verlässt die Probe und steigt aus, weil dauernd gequatscht. / Leseprobe.

 

25. Februar, TA VI - die wechselnden Probenräume sind ein Problem. Nur 9 Leute sind gekommen. Vier fehlen unentschuldigt. Wir sind zu wenig. / Test vom Rollklo / Schikane-Impro.

 

3. März - Zwei Gefangene lassen ausrichten, dass sie nicht mehr mitmachen. Ohne Angabe von Gründen. Frank steigt wieder ein, und es gibt noch zwei Interessenten an der TA V. /

Uwe fragt den Bühnenbildner: "Was ist eigentlich mit Spezialeffekten?" - "Es wird keinen Sprengmeister geben, falls du das meinst." - Wolfgang: "Dann musst du aber wenigstens genügend Leitern bereitstellen."

 

6. März - Hakan hat Kopfschmerzen, Peter Rückenschmerzen, große Fluktuation. Das Prinzip der Vielfältigkeit ist gefährdet. Nur der "harte Kern" ist da. Textarbeit. Problematische Sätze: Ich sehe mein Licht, das stirbt. Ich bin nie dagewesen. Was ist mit dem Knaben, den Clov draußen sieht? Alles, was lebt, ist Feind.

 

13. März - Zwei wichtige Spieler sind definitiv ausgestiegen. Also neue Paare. Fassung mit namentlicher Zuordnung ist schon wieder Makulatur.

 

20. März - Zwei neue Interessenten melden sich für die nächste Probe an, Slimane und Mahmoud . Gruppe beschließt, Baskin und Methin können nicht mehr mitmachen (3 x unentschuldigt gefehlt), Paarkonstellationen ändern sich.

 

3. April - Beginn der chronologischen Proben. Neue Phase. Zwei neue. Uwe hat Kreislaufprobleme. Paarimprovisationen.

 

7. April - lange Wartezeiten beim Durchschluß, verspäteter Beginn. Impro: Stumpfsinn/ Langeweile.

 

4. Mai - Mahmoud steigt endgültig aus, Raphael kommt neu dazu und übernimmt seine Rolle. Er ist eine echte Entdeckung, sofort ein wichtiger Faktor. Peter baut sich seine ganz eigene Geschichte.

 

5. Mai - Ein Streit zwischen Ali und Milos, die ein Paar sind, um ein paar Socken, führt dazu, dass nur Ali zur Probe erscheint. Mo hatte heute Ausgang und kam 2 Stunden früher wieder rein, um auf der Probe zu sein.

Prägnanter Begriff für das Sprechen in unterschiedlichen Sprachen:
"Auf international, Mann!"

 

8. Mai - Der Streit vom 5. wird auf der Probe beigelegt. Arbeit am Anfangsauftritt mit Hubwagen. Rhythmus- und Konzentrationsprobleme. Kaum jemand hat ein Gefühl für seinen persönlichen Bogen durch das Stück.

 

10. Mai - Öffentliche Probe zur offiziellen Eröffnung des Knastfestivals. Frank verliest im Kostüm das Grußwort von Staatsminister Naumann. Etwa hundert Zuschauer. Die Probe ist wirklich eine, wir müssen immer wieder stützen, anfeuern, eingreifen. Dennoch hält sich eine Grundkonzentration durch, immerhin über ein Drittel des Stückes. Feedback der Zuschauer. 3 Tage Probenpause.

 

14. Mai - Probe in der TA V. Jeder formuliert noch einmal seinen persönlichen Zugang zum Stück und seiner Rolle - ein Schritt in Richtung Bewusstheit.

 

15. Mai - Besuch von Herbert Blau. Immer wieder vom Beifall - Der Mann ist unvergesslich! Die szenische Arbeit verläuft mit großer Konzentration, eine neue Ernsthaftigkeit im Ensemble.

 

22. Mai - Milos kehrt nach einer Woche "Bunker" auf die Proben zurück und ist sofort wieder großartig. Wir haben immer noch nicht das ganze Stück geschafft. Morgen wird zum ersten Mal der Schluß geprobt. ...