Das Tagebuch zur Produktion des neuen Theaterstücks von „aufBruch“ und dem Inhaftierten-Ensemble der JVA-Tegel. Geschrieben von allen Inhaftierten und dem Team von „aufBruch“.

 

31. August 2005

Spannung liegt in der Luft des Kultursaales der JVA-Tegel. Die Inhaftierten, alte wie neue vom Ensemble, reden nervös und neugierig durcheinander. Jeder hat Fragen. Auch das „aufBruch“ Team ist mit neuen Leuten da. In einem grossen Kreis sitzend, stellen sich alle vor. Annette ist neu für die Kostüme gekommen, Valerie für die Bewegung, Jörg macht die Dramaturgie und Björn ist Regie-Assistent. Sybille fängt wie gewohnt mit dem bürokratischen Teil an, der uns alle betrifft. Dann kommt Peter an die Reihe und erklärt uns das Stück. Es wird diskutiert! Viele Bilder steigen in jedem von uns auf. Holger zeigt uns zum Abschluss der Runde das Modell mit der Kulisse, damit wir einen Eindruck bekommen wo, bzw. worauf wir spielen. Nach einer kleinen Pause kommt Valerie das erste Mal zum Zug und zeigt uns, wie wir alle ins Schwitzen kommen. Man wird sich bewusst, wie viel Muskeln ein Mensch besitzt. Danach kommen Peters Sprachübungen, denn das richtige Atmen ist wichtig. Der Abschluss des Tages kommt mit den ersten kleinen Chor-Proben mit Originaltexten. Hausaufgaben bekommen wir von Jörg auch noch mit. Wir sollen uns ein paar Gedanken zum Stück machen. Es ist zwar kein „Muss“, aber man freut sich über jede Zeile von uns. Die alten aus dem Ensemble freuen sich auf die Arbeit und die neuen ahnen, dass es anstrengend wird.

 

5. September 2005

Heute geht es im Pavillon der TA V weiter da der Kultursaal uns zum Proben erst ab dem 19.9. komplett zur Verfügung steht. Man ist angenehm überrascht, dass alle wieder da sind. Keiner hat den Mut verloren und keinem war es zu viel. Peter eröffnet die Runde wieder mit der Diskussion zum Stück und man bekommt schnell mit, dass starke Emotionen vorhanden sind. Valerie macht weiter und testet gleich auf dem Boden, wie weit wir noch beweglich sind, aber mit dem Hinweis: „Jeder geht so weit wie er kann, ohne sich dabei weh zu tun!“ Peter macht weiter mit den Sprachübungen und die „Neuen“ fragen sich, ob das so die ganze Zeit bleibt. Ja, es bleibt so, bis zum Tag der Premiere. Es wird mit einigen geprobt. Ohne Text sollen sie sich etwas ausdenken und es uns vor zeigen, wir müssen heraus finden, was derjenige uns mitteilen möchte. Der Schluss des Tages kommt in Form einer Textseite mit dem Hinweis von Peter: „Bitte bis Freitag auswendig lernen!“

 

08.09.2005

Liebes Tagebuch

Unsere erste Woche mit täglichen, über 5 Stunden dauernden Proben ist vorüber und ich freue mich auf das bevorstehende Wochenende, damit ich die neuen Eindrücke und Erkenntnisse erst einmal verarbeiten kann.

Unsere Zusammenkünfte beginnen immer mit einem Bewegungs- und Sportteil. Neben spielerischen Aufwärmübungen und einem Gymnastikteil standen in dieser Woche die Förderung der körperlichen Koordinationsfähigkeit sowie das Erarbeiten eines gewissen Rhythmus- und Taktgefühls im Mittelpunkt unserer Übungen. Da in unserem Stück sehr viele Auftritte als Chor und Mannschaft stattfinden, haben wir diese Übungen natürlich auch in Formation probiert, wobei es aber oft doch zu lustigen Situationen kam. Es ist nämlich gar nicht so einfach, die eigenen Arme und Beine ausserhalb des gewohnten Alltagsrhythmus miteinander zu koordinieren und dabei noch auf den Takt der ganzen Formation zu achten, um drin zu bleiben. Aber wir sind, glaube ich, auf einem guten Weg, auch dank der Ausdauer und Geduld unserer Lehrerin. Habe ich letzte Woche noch etwas despektierlich von „Becken- Befreiungsübungen“ gesprochen, so muss ich dies zurücknehmen und sage diese Woche: „Respekt und Anerkennung!“

Und ausserdem, aber nur ganz unter uns, mein Po ist in dieser Woche schon wesentlich knackiger geworden. Ist doch auch was wert, oder?

Der zweite grosse Block während der Proben ist das Training von Mimik, Gestik und klarer, betonter Aussprache. Hier kommt es natürlich zu den skurrilsten Aktionen. Viele Gefangene in den JVA’s haben sich im Laufe ihrer Zeit hier so etwas wie ein Pokerface antrainiert, hinter dem viele Emotionen und Gefühle versteckt bleiben sollen. Dieses regungsarme Gesicht nun abzulegen und die neue Sprache durch lebendige Mimik und Gestik zu unterstützten oder gar zu verstärken, ist enorm schwierig und bedarf bei vielen sicher eines kontinuierlichen Übens. Mir haben diese An- und Entspannungsübungen, das Atemtraining, das chorale Miteinander in Zungenbrechern oder auch der gemeinsame Ton sehr gut getan und ich freue mich schon auf die Fortsetzung. Es ist halt doch mehr als nur „Grimassenschneiden“! Der allergrösste Teil der Probe ist, nach einer Brotzeit-Pause, das Einstudieren unseres Stücks. Obwohl wir sehr viel in Chören und gemeinsamen Formationen arbeiten, in denen man sich am Nachbarn orientieren kann und auch auf den Nachbarn hören kann, machen sich bei einigen Leuten doch Ängste bemerkbar, dass sie die Texte nicht gelernt bekommen oder dass sie in der allgemeinen Formation untergehen. Ich glaube aber, dass diese Ängste sich noch relativieren werden und wir in den nächsten fünf Wochen neben vielen Höhen auch noch einige Tiefen gemeinsam durchstehen werden. Dies liegt in der Natur der Sache. Da die Bühne erst im Laufe der kommenden Woche gebaut wird und dann erst die konzentrierte Bühnenarbeit beginnt, möchte ich zu diesem Teil der Probe noch nicht zuviel sagen. Dies werde ich in meinem nächsten Wochenrückblick umso ausführlicher nachholen.

Fazit: Auch wenn ich heute Abend, am Ende dieser Woche, ziemlich ausgelaugt bin, so hat mir diese Zeit der harten Arbeit und des spielerischen Miteinanders doch sehr gut getan und sehr gut gefallen. Ich bin sehr motiviert und freue mich schon auf die kommende Zeit. Auch wenn ich dabei sicher öfter meine Grenzen überschreiten muss. Oder gerade deswegen.

Zum Abschluss noch mein kleiner Wunsch: Möge die Welt Frieden finden Möge die Erde erblühen Möge allen Menschen Glück und Wohlergehen beschieden sein Mögen uns alle Wesen stets mit Liebe und Wohlwollen begegnen Gute Nacht

Dirk Stephan

 

9. September 2005

Heute geht die Einführung von Peter schnell und danach übernimmt Valerie die Gruppe. Die Übungen von strecken, Muskeln warm machen, wiederholen sich. Es dauert nicht lange und alle schwitzen. Gute 40 Minuten später weiß auch jeder, wie viele Muskeln vorhanden sind...!

Peter macht nur kurz die Sprachübungen. Er möchte schnell in eine Szene gehen, wofür wir den Text haben. Nach der Pause geht es los, Chor I und Chor II teilen sich und ein paar mutige übernehmen die Einzeltexte. Der erste kleine Durchlauf, es klappert an allen Ecken. Im Chor verpasst einer immer den Anfang. Peter stellt die Szene um! Somit wird aus zwei Chören einer. Trotz allem Stress haben wir viel zu lachen, einiges wäre sogar für die versteckte Kamera gut! Ein Wermutstropfen ist, es sind heute einige weggeblieben.... leider.

Aber der Rest war zum Erstaunen beim Lernen echt fleißig gewesen.

 

12. September 2005

Liebes Tagebuch

Unsere heutige Theaterprobe begann, nach einer großen „Hallo" Runde und einer großen Aufgabenerörterung mit Valeries "Hüft-Befreiungsübungen". Dehnen, Grätschen, Strecken, Beugen bis das Herz rast, der Schweiß fliest und alle spüren, daß ihre Körper noch leben und mehr benötigen als Spagetti oder Curry Wurst. Klasse Stunde, Klasse Trainerin ! Anschließend ging es nahtlos weiter mit Peters Grimassen-Show. Fratzen schneiden ,was das Zeug hält, Gesichtsmuskulatur lockern, Stimmbänder aufwärmen, Atmen üben, grunzen, quietschen, quatschen und schreien auf eine befreiende und lustige Weise. Es hat sehr viel Spaß gemacht und motiviert, im "stillen Kämmerlein" weiter zu machen. Der Höhepunkt des heutigen Abends war eine freie Improvisation einer Szene unseres Stückes, nämlich jener, in der der Horatier nach erfolgreichem Kampf gegen den Kuratier heimkehrt und vom Volk bejubel wird. Als seine Schwester ihm heftige Vorwürfe wegen des Todes ihres Verlobten macht, tötet er sie ebenfalls und bringt damit einen großen Teil der Römer gegen sich auf, während der andere Teil ihn weiter bejubelt und ehrt. Unsere Aufgabe war es, diese Szene frei zu spielen und anschließend zu beraten und Richter zu bestimmen, die ein Urteil über den "Helden" und Mörder zu finden hatten. Nach sehr kontroversen Diskussionen und sehr viel hin und her hat sich schließlich eine Mehrheit für folgendes Urteil gefunden. Der Horatier soll auf Grund seines Sieges für Rom die Chance bekommen, in der bevorstehenden Schlacht gegen die Etrusker zu kämpfen, und die Götter sollen entscheiden, ob er sterben soll. Wenn er überlebt, wird er aus Rom verbannt und aus der Gesellschaft verstoßen. Ein anderes Urteil als in den Texten von Livius und Heiner Müller, bei denen ja erst die Ehrung des Helden und dann der Tod des Mörders stattfindet. Also nichts desto trotz ein hart diskutiertes und mehrheitsfähiges Urteil. Der heutige Abend hat die Menschheit sicher nicht weitergebracht, aber mir hat es Spaß gemacht. Gute Nacht

 

19.09.2005

Tagebuch vom Theaterprojekt

Heute war unser erster Tag im Kultursaal. Erstaunlicherweise waren wir für Tegeler Verhältnisse pünktlich im Kultursaal. Das war ca. 15 Uhr. Bis alle erst einmal richtig dort ankamen, vergingen noch mal ca. 30 Minuten. Um 15. 30 Uhr saßen wir dann alle im Kreis und besprachen den Ablauf. Ca. 16 Uhr ging dann das Aufwärmtraining los. Was ich gut find ist das alle mitgemacht haben, im Gegensatz zu den anderen Stücken. Vielleicht liegt es daran, das Valerie ein lockeres Training durchführt. Es macht Spaß, mir auf alle Fälle. Nach ca. 45- 50 Minuten hat dann Peter, der Regisseur übernommen, wobei wir vorher eine 10 Minuten Raucherpause hatten. Auch beim Einsprechen Haben alle Diszipliniert mitgemacht. Um 18 Uhr haben wir dann eine große Pause gemacht. Auch da fand ich das Klima sehr angenehm. Es haben sich nicht solche Grüppchen gebildet, wo sich nur die Ausländer zusammen setzen und so weiter. Ich hoffe es bleibt so, auch wenn sich alle besser kennen gelernt haben. Ca. 18. 30 Uhr ging es dann in die dritte Runde, da musste man dann doch die Angespanntheit mancher Leute sehen. Was auch verständlich ist, da sie zum Teil vorher gearbeitet haben. Trotzdem haben alle bis zum Schluss konzentriert mitgearbeitet. Fazit: Der erste Kultursaaltag war ein guter Tag. Ich danke allen Kollegen und dem Team von draußen.

Matthias Donwen

 

20. 09 2005

Fast alle sind da, nur einer hat Mist gebaut! Und die Gerüchte brodeln wieder mal, wie immer.......

Trotzdem geht der Probenalltag weiter, Valerie geht in das Körpertraining und alle halten durch, obwohl sämtliche Muskeln noch vom Tag davor weh tun, aber alle wissen auch wir brauchen Kondition.... Peters Sprachtraining ist recht kurz. Atemübung damit wir genug Luft haben, die Stimmbänder warm machen und ab geht’s in den Chören, wir müssen das Gefühl bekommen aufeinander zu hören, einer Atmet voran und alle reden im Gleichtakt, hört sich einfach an...., ist es aber nicht, unsere Alltagssprache steht uns noch im Weg. Nach der Pause geht es mit der ersten Szene weiter, die Leute bekommen die Gruppenpositionen und Einzelne wissen nun was auf sie zukommt, wir gehen in die Zellen mit dem Gefühl: “ der Grundstein ist gelegt aber es ist noch vieles zu tun” . Es ist ein gutes Gefühl.

 

Mittwoch, 21. 09. 2005

Der dritte Trainingstag, seit dem Umzug ins Kulturhaus. Zu Beginn, wie immer die übliche Versammlung zur Vorbesprechung in der Sitzungsrunde. Diesmal überraschender Weise ohne Khaled, da er vorerst, laut Beamten unter Verschluss genommen wurde. Grund, es soll am Vormittag in der Computergruppe zwischen Khaled und einem anderen zu gewalttätigen Attacken gekommen sein. Es besteht aber trotzdem die Hoffnung, das wir Khaled wieder in unsere Reihen bekommen da er laut Ivan, der den Vorfall beobachten konnte, an dieser Situation unschuldig war. Fragt sich nur wann?

Nun zum üblichen Programmablauf= Warmmachtraining durch Spiel und Spaß. Nur letzteres leider nicht für Volker, welcher beim Fangespiel “ Bremsprobleme” hatte, mit mir zusammenprallte, zu Boden fiel und sich zu “guter” letzt seine Kniebänder überdehnte. Wie so oft, ließen auch in diesem Fall, die Sannies lange auf sich warten. Aber auch nach ihrer Ankunft war deren Hilfe eher bescheiden. Sogar die alternativeoder psychologische Hilfeleistung , nach Meinung von Volker, stellte sich als viel effektiver dar, obwohl es sich hierbei wohl “nur” um das Handauflegen handelte. Harry war es der sich in der Kunst des Handauflegens verstand. Nun weiter im Programm. Als nächstes Dehnungs- und Streckungsübungen, wie immer unter der Führung der Folterknechtin Vallerie, was auch diesmal wieder sehr schweißtreibend war. Nach einer kurzen Pause folgten die Sprachübungen, geleitet von Peter. Anschließend Chorproben mit Choreographie, wobei es keine weiteren Vorkommnisse gab. Gegen Ende um 21 Uhr ging es dann vor Erschöpfung, halb tot, zurück zu den entsprechenden Häusern.

Roman Horwath

 

02.10.2005

Liebes Tagebuch

In dieser Woche wurde unsere Bühne teilweise aufgebaut und wir bekamen erstmals eine Ahnung, was da auf uns zukommt. Auf einer Länge von ca. 12 Metern steigt sie rampenförmig auf rund 1. 20 m Höhe an, was bedeutet, dass sie ganz schön steil ist. Da viele von uns nicht gerade Athleten sind, werden wir in den nächsten Wochen sicher noch intensiv an unserer Kondition und der Belastungsfähigkeit unserer Bein- und Rückenmuskulatur arbeiten, damit wir die eher unnatürliche Körperhaltung in der Schräge und die Bewegungsabläufe gut und ansehbar hinbekommen.

Insgesamt haben wir in dieser Woche, für mein Empfinden, gute Fortschritte erzielt. Wir sind eine bunte Mischung verschiedenster Typen, aus verschiedenen Kulturkreisen, jung und alt, dick und dünn, gut und weniger gut unsere Sprache sprechend. Trotz dieser doch teilweise sehr gravierenden Unterschiede und auch Motivationen haben wir besonders in dieser Woche einen inneren Zusammenhalt gefunden, der noch wächst und auch wachsen muss. Die meisten von uns haben, glaube ich, verstanden dass das Einstudieren eines solchen Theaterstückes nicht nur Spiel ist, sondern eine hohe Konzentration und ein großes Stück an disziplinierter Arbeit erfordert. Aus dieser Einsicht heraus sind wir gerade in dieser Woche ein schönes Stück näher aneinander gerückt, wodurch auch die Arbeit positiv gefördert wird.

In den ersten Tagen der Vorproben ging es mir oft so wie dem Mann auf der Straße. - Jenem Mann, dessen Platz auf dieser Welt unter dem Regenschirm ist. Stählerne Speichen und Kunststoffhaut strahlen herab und schaffen seinen Raum der Ruhe und des Verharrens. Selbstvergessend, trocken im herabstürzenden Nass und kühl im gleißenden Licht, schaut er hinaus auf die Bühne mit dem vorbeiziehenden Chor, altersgebeugte, altersvergrämte Reglosigkeit hinter chemischen Geschmeide, durchnässt von Tränen oder schmorend im eigenen Saft, die geschützte Atmosphäre seiner Kathedrale nicht durchdringend und nicht entweihend, in deren Schatten er zurückgezogen eins wird mit dem Bühnenbild, wartend auf die Eine deren Nähe seine Sehnsucht erfüllt. – Heute freue ich mich hingegen auf jeden Tag der gemeinsamen Arbeit. Natürlich gibt es immer mal wieder Spannungen, weil der eine “ Zappelphilipp ” und der andere “ Opernsänger ” gern schon mal in den Vordergrund drängten. Aber auch deren Disziplin wächst.

Besonders geprobt haben wir in dieser Woche die Chöre. Zum einen studieren wir verschiedene Lieder ein, was relativ gut gelingt. Dabei ist es von großem Vorteil, dass die gemeinsame Melodie schon vorgegeben ist. So brauchen wir “ nur “ die Texte zu lernen und im Rahmen der Melodie umzusetzen: Zum anderen sind da die Sprechchöre, deren Einstudieren schon wesentlich schwieriger ist. Es gibt am Anfang keine vorgegebene, gemeinsame Melodie. Eines der Probleme ist, dass oftmals die Stimmung und der Handlungshintergrund des Stückes noch nicht klar genug wurden und von daher die richtige Betonung der einzelnen Aussagen und Sequenzen noch nicht gelingt. Es macht halt einen großen Unterschied, ob man eine Trauerrede hält oder “ nur “ Abschied nimmt.

Im Groben haben viele von uns das sicher schon verstanden. Jedoch sind die Feinheiten der einzelnen Chöre im Gesamtbild des Dramas so diffizil, dass es hier noch viel Arbeit und Geduld benötigen wird, um dies gut bis sehr gut hinzubekommen. Wir haben aber auch noch einige Wochen Zeit, so dass wir sicher noch gute Fortschritte erzielen werden. Und unser Team von “ Aufbruch “ hat garantiert auch die eine oder andere Methode auf Lager, wie wir den nötigen “ Feinschliff “ noch hinkriegen. Ein anderer Schwerpunkt unserer Arbeit sind die Szenen, in denen wir alle uns auf der Bühne schnell bewegen müssen und wo jeder seinen Platz und die Bewegungsabläufe kennen lernen und verinnerlichen muss. Hierbei ist schon so manches lustige Chaos entstanden, und fast wünschte ich mir, das wir dies mit einer Videokamera aufgenommen hätten. Daraus hätte sich später bestimmt ein lustiger Zusammenschnitt ergeben.

Zum Ende kommend, möchte ich sagen, dass diese Woche eine gute Woche war. Wir haben die ersten Tiefen ganz gut gemeistert und uns über gelungenen Aktionen gemeinsam gefreut, so dass ich sehr zuversichtlich bin. Da es jetzt Zeit zur Nachtruhe ist, wünsche ich Ihnen angenehme Träume, und Möge die Welt Frieden finden ! Gute Nacht

Dirk Stephan

 

06.10.2005

Die Theatergruppe übt zum ersten Mal mit den Äxten. Der Stiel aus leichtem Holz - die Axt besteht aus Schaumstoff mit Latexüberzug und Farbe.

Der Horatier ist der Held, gespielt von Ali, wir üben. Es geht darum in einer Szene den Horatier grausam zu töten, da er in einer Szene zuvor seine Schwester getötet hat, ohne Notwendigkeit !

Ein lauter Schmerzensschrei läst alle erblassen. Im Kampfgetümmel stolpert Volker auf Silvio, man glaubt es kaum ! Beide fallen auf den Boden. Volker mit geprellten Knie, Silvio mit einer kleinen Platzwunde. Der eine humpelt munter weiter, der andere wird verbunden, und weiter gehen die Proben, als wäre nichts passiert, mal sehen was morgen passiert.

Harry

 

07. 10. 2005

Liebes Tagebuch

Es sind nur noch drei Wochen bis zu unserer ersten Aufführung des Horatiers. Viele von Ihnen, liebe Leser, kommen zum ersten Mal auf unseren Planeten Tegel und werden wohl gespannt sein, was sie hier erwartet. Von daher möchte ich Ihnen heute unsere Welt hier ein wenig vorstellen.

Es gibt viele Teiche in Tegel. Golden schimmernde Fischschwärme ziehen ihre Bahnen durch deren Gewässer. Eingebaut von duftenden Blumenrabatten und wunderschönen Rosenstöcken bilden sie begehrte Orte des Entspannens und Meditierens. An sie angrenzende, ausgedehnte Rasenflächen im englischen Stil, laden ein zum Sonnenbad und zu gemeinschaftlichen Aktivitäten wie Picknick, Spiel, und Unterhaltung. Eine reiche Vielfalt an Vogelarten bildet mit ihrem Gesang, der uns aus den Hecken und Bäumen entgegenschallt, einen wohlklingenden Melodienteppich aus, der nur ab und zu durch die sehnsuchtsvollen Heimatmelodien unserer orientalischen Mitbewohner übertönt wird.

Gepflegte und ausgebaute Wander- und Flanierwege bieten Anreize sowohl zum kleinen Spaziergang als auch zu ausgedehnten Wander- und Joggingtouren. Untergebracht sind wir in Ein- Zimmer- Appartement- Häusern, wie sie auch in Spaniens Urlaubs- Paradiesen zu finden sind. Und wenn Sie mal zufällig vorbeikommen, so werden Sie gelebte Lässigkeit und Entspanntheit in nie gekannter Form erleben.

Da sie aber zu unserer Vorstellung Abends hier eintreffen, werden Sie von diesem Aspekt des Planeten Tegel nur wenig mitbekommen. Dafür werden Sie andere Erfahrungen machen. Wenn Sie durch´ s Tor eingetreten sind, schließen Sie für einen Moment Ihre Augen und Lauschen Sie! Wenn das Geplapper, Seufzen und Stöhnen um Sie herum aufhört, werden Sie, wenn Sie ganz genau hinhören, den Klang unserer Welt hören. Tegel klingt im Rasseln der Schlüssel ! Manchmal nur ein leises, metallenes Kling, manchmal ein leises Klirren nur in der Ferne, manchmal aber auch ein schnell lauter werdendes, anschwellendes Stakkato stählerner Gewalt, wenn die Träger der Schlüssel im Laufschritt an einem vorüber eilen, um für Recht und Ordnung zu sorgen.

Diese Träger sind Wesen einer ganz besonderen Art, die es nur an Orten wie Tegel gibt. Wir nennen sie Meister, heimlich auch Schlüsselmeister, da viele von ihnen ohne Namen sein möchten. Sie erkennen Sie an der Färbung ihrer Gewänder, bei den Männchen blau / grau, bei den viel selteneren Weibchen ockerfarben. Haben Sie keine Angst vor ihnen, die meisten sind geschult im kultivierten Umgang mit Besuchern wie Ihnen. Aber trotzdem sollten Sie ihnen vielleicht doch nicht so direkt in die Augen schauen. Man weiß ja nie, oder ! ?

Neulich hatte ich auch das große Glück, ein besonders seltenes und prächtiges Exemplar dieser Gattung zu sehen. Es Hatte sage und schreibe 13 Schlüssel an seinem Bund ! Ehrlich ! Ich schwöre ! Es war wohl einer jener selten gewordenen Groß - Meister innerhalb der Meister - Zunft. Die Schlüssel wogen so schwer, dass Gürtel und Hosenträger nicht ausreichten, seine Beinkleider vor einer Schieflage nach rechts zu schützen.

Vielleicht war es aber auch nur ein besonders ängstlicher Meister, wenn man bedenkt, das all diese Schlüssel Symbole der Angst sind. Eurer Angst vor uns, Euren Kindern, Euren Vätern, Euren Brüdern, Euren Enkeln und Euren Freunden. Eine Angst, die man vor den meisten von uns gar nicht haben muß.

Nun gut.

Unsere Proben haben in dieser verkürzten Woche keine wesentlichen Fortschritte gebracht. Seltsamerweise hatten wir nach guten Ergebnissen in der vorletzten Woche diese Woche erhebliche Spannungen innerhalb der Truppe. Da diese bis jetzt noch nicht abschließend geklärt waren, werde ich in der nächsten Woche ausführlich darüber berichten. Für heute schließe ich nun meinen Tagebuch - Bericht, wünsche Ihnen bis zu unserem Treffen eine gute Zeit und Möge die Erde erblühen.

Gute Nacht

PS : Wenn Sie heute Abend noch mit dem Auto raus müssen, fahren Sie lieber über die Gehwege. Auf den Straßen passieren einfach zu viele Unfälle !

Dirk Stephan

 

10.10.2005

Heute war erst mal das übliche Programm, Bewegung, Sprechübungen, Chöre, Gesang und dann einen Teildurchlauf. Bis zu den Sprechübungen läuft eigentlich alles so, wie es laufen soll. Aber wenn es um die wirklichen Proben geht, gibt es immer noch Leute, in der Gruppe, die mit ihrer primitive Art und Weise den ganzen Ablauf im Minutentakt stören. Es heißt ja immer ,, es gibt keine dummen Fragen, es gibt nur dumme Antworten “ , aber die Leute wollen partout beweisen, das es doch dumme Fragen gibt. Deswegen gibt es da jetzt einen Zweikampf , wo der Sieger am Ende dann wahrscheinlich die dümmste Frage gestellt hat, die man sich sicher noch nicht vorstellen kann. War mir ja auch egal, wenn die Fragen in der Pause gestellt werden würden. Womit wir jetzt beim nächsten Thema wären, der Pause !

Während der ,, großen Pause” , die ca. eine halbe Stunde dauert, gibt es Leute, die ein bisschen Ruhe haben wollen, da man gerade die Chöre einschließlich Störfeuer hinter sich hat. Da in der Pause im Saal Musik ein bisschen Lauter gehört wird, wogegen nichts einzuwenden ist, geht man halt eine rauchen, um ein bisschen zur Ruhe zu kommen. Das Problem ist, dass nach gefühlten zwei Minuten, tatsächlich aber fünf Minuten, die bereits erwähnten auch rauchen wollen und beim rauchen muss man ja unbedingt schreien, da man den Sinn einer Pause einfach nicht versteht, dank des Vakuums in der Rübe. Das sind jetzt leider Sachen, an die man sich gewöhnen muss. Es ist aber auch nicht alles schlecht, den Anschein könnte es ja durchaus nach so einem Text haben. Ich bin Peter, Sybille und überhaupt dem Team sehr dankbar, dass die so eine Arbeit überhaupt machen und manchen Leuten die Gelegenheit geben, die Institution Gefängnis für ein paar Stunden zu vergessen. Bei dem letzten Projekt war das Aufbruchteam schon sehr gut besetzt und die Nachfolger hatten, zumindest in den Hinterköpfen einiger Gefangener, ein schweres Erbe anzutreten. Aber diese Herausforderung haben sie, meiner Meinung nach, mit Bravour bestanden.

Hakan Bayazit

 

12.10.2005

Tagebüchlein

Die Proben sind hart und anstrengend, aber sie machen sehr viel Spaß.

So langsam kommt Schliff rein. Es hapert zwar noch an ein paar Stellen, aber das bekommen wir auch noch hin. Die Texte sitzen auch im großen und ganzen. Es gibt hier und da noch ein paar Änderungen, aber das ist ja normal.

Die Choreographie mit den Äxten sieht auch schon ganz gut aus. Aussenstehende bemerken auf jeden Fall den großen Fortschritt, den wir schon gemacht haben. Wenn ich an den Anfang zurück denke, ,, Das bekommen wir nie hin “ , muss ich mich verbessern. Bin sehr zuversichtlich geworden, in Sachen Choreographie. In zwei Wochen haben wir Premiere, bin jetzt schon ganz schön aufgeregt. Habe jetzt schon Lampenfieber, aber wer hat das nicht. Aber wie sagt man immer ,, Werden das Ding schon schaukeln”

Ich hoffe die anderen aus der Theatergruppe denken genauso positiv und zuversichtlich wie ich, nämlich dann wird es auch klappen.

Leider ist alles bald vorbei, schade. Es ist eine große Ablenkung den Haftalltag zu überstehen, und die Zeit tot zu schlagen. Man ist den ganzen Tag beschäftigt und das ist hier drin Gold wert. Ich würde jeder Zeit wieder mitmachen. Das ist Fakt.

Silvio

 

14.10.2005

Liebes Tagebuch

Diese Woche möchte ich mich mit meinem Eintrag nur kurz und bündig melden. Du fragst nach dem Grund ? !

Kannst Du Dir vorstellen, wie es ist, Abends im Bett zu liegen und Dein Lieblings - Einschlafgedanken wie z. B. an ein romantisches Schäferstündchen mit Angela M. stellt sich partout nicht ein, weil der Hammer in Deinem Ohr immerzu den Takt von ,, Wer hat Dich, Du schöner Wald ... “ auf seinem Amboss schlägt und Dein Gehirn dazu im gleichen Takt gegen die Schädelplatte schwappt ? Weißt Du, wie es ist, wenn Deine Rückenmuskulatur Deine verschobenen Bandscheiben in ein eisernes Korsett zwängt und jede Bewegung Deinen Körper in eine schmerzgepeitschte, feurige Lohe verwandelt ?

Oder hast Du schon mal das Gefühl gehabt, dass sich zwischen Deinen Muskeln und Deinen Knochen Schmirgelpapier ( 60 er Körnung, also sehr grob ! ! ! ) befindet und bei jeder Bewegung auf brutaltsmögliche Art die oberste Knochenschicht abschmirgelt ? Und sich gleichzeitig der Kater durch jede Muskelfaser frisst und zuviel Säure im Blut sämtliche Schweißporen bitterste Tränen vergießen lässt ? Weißt Du, wie sich das anfühlt ? ? ?

Ich nicht ! ! !

Aber meine Theaterkollegen schildern mir täglich solche und ähnliche Qualen, die unsere Theaterproben so bei ihnen hervorrufen. Und vor lauter ,, Mitleid” mit diesen ,, Pappsäcken” muss ich so lachen, dass mir die Tränen nur so laufen und ich gar nicht mehr weiterschreiben kann. Ich hoffe aber, dass ich mich bis nächste Woche wieder gefangen habe ? ! ?

Möge allen Menschen Glück und Wohlergehen beschieden sein ( Natürlich auch diesen Pappsäcken )

Gute Nacht

Dirk Stephan

 

17.10.2005

Oliver Kumpfert

Theater, Theater

Was hat mich wohl geritten als ich mich zur Theatergruppe angemeldet habe ? Rund drei Monate werde ich nun mit Leuten meine Zeit verbringen, die mir fremd sind und deren Welt vermutlich nicht meine ist. Über Langeweile kann ich mich hier auch nicht beklagen.

Was also ist meine Motivation ?

Klar, ich war immer ein guter Redner und publikumswirksame Auftritte waren schon immer meine Sache. Eitel bin ich, eine Diva und hier ist Ensemblearbeit gefragt. Aber doch nicht für mich. Ich erhalte die Hauptrolle, das steht schon fest - jedenfalls für mich.

Zum ersten Treffen erscheine ich in meiner ganzen Arroganz, die anderen musternd, abwägend ihre vermeintlichen Qualitäten, mit der Waage des Händlers. Die Externen sind auch schon da. Na ja die sehen ja ganz nett aus und klingen auch sehr bemüht. Es sind weibliche Wesen, solche ohne Uniform und von der hübschen Art, die der gemeine Knacki sonst nur auf der Mattscheibe sieht, dabei. Das könnte unterhaltsam werden. Also bleibe ich.

Mittlerweile ist die Probenzeit fast rum und ich bin wirklich geblieben. Die Hauptrolle habe ich zwar nicht erhalten, doch ich bin ganz zufrieden mit meinem Part. Es schmerzte zwar, den einen oder anderen Textverlust hinnehmen zu müssen oder zu erleben wie der Regisseur meinen Spieldrang, genauer gesagt, meinen Drang zum in den Vordergrund stellen, didaktisch geschickt, mit unendlicher Geduld immer wieder einbremste und mit sanfter Gewalt dafür sorgte, dass ich mich im Ensemble unterordnete. Ab und an gehen mir die Worte Honeckers durch den Kopf: ,, Der Einzelne zählt nichts, das Kollektiv zählt alles. “ So spielerisch betrachtet hat er sicher Recht gehabt. Doch das ist für ein Wessi schon fast zuviel an Einsicht. Die Proben laufen sehr häufig in Form eines Rituals ab. Zuerst erfolgt die Selbstbeweihräucherungsrunde. Diesen Namen habe ich ihr gegeben, da es immer wieder Mitspieler gibt, meistens die gleichen wie am Vortag, die nach den notwendigen offiziellen Informationen, verbreitet vom Regisseur und der Produktionsassistentin, ihre fehlende darstellerische Kraft durch überflüssige Wortmeldungen zu kaschieren suchen. Ich weiß, das diese Ansicht fies und überheblich ist, doch wenn jemand, der zu Hause nicht einmal über ein WC mit Wasserspülung verfügt, ständig sein Pseudorecht auf warmes Wasser und sonstige Annehmlichkeiten bejammert, überfällt mich das gleiche Gefühl, dass die spanische Conquisatoren gehabt haben müssen, als sie im Urwald das erste Mal auf primitive Indios trafen.

Nach dieser zeit- und nervraubenden Runde geht es in den meisten Fällen an das Bewegungstraining. Hier versucht eine charmante, höchst gelenkige junge Dame mir mit Hingabe meine Gymnastikverweigerungshaltung auszutreiben. Zu meinem Trost, bin ich nicht der einzige, der es mit Churchills Motto - ,, no sports” - hält.

Eigentlich müsste ich den Saal unter Protest verlassen, doch ich mache es nicht. Eine Art von Erotik hält mich gefangen. Nicht von der plumpen offensichtlichen Art, nein eher so wie der intellektuelle Geist nach dem Besuch einer Sado - Maso Klinik giert. Ihre Übungen quälen mich. Wenn sie mit durchgedrückten Beinen auf der Bühnenrampe steht, den Oberkörper von den Hüften an abklappt, in Höhe ihrer Kniescheiben durch die leicht geöffneten Beine nach hinten zu mir sieht und mir das bezaubernde Lächeln einer Domina schenkt, mich dabei aus dunklen ausdrucksstarken Augen ansieht, so wie leuchtende Kohlen im Feuer der Leidenschaft, dann , ja dann fühle ich mich ertappt. Ertappt bei allerlei unkeuschen Gedanken und möchte hingebungsvoll röcheln ,, Bestrafe mich Gebieterin” . Die Strafe für mein Verhalten erfolgt dann auch, ohne das ich meine Wunsch akustisch vernehmbar von mir gegeben hätte. Die nächste Übung gibt mir den Rest. Heute Nacht werde ich wieder auf meine Pritsche liegen, jeden Knochen und jede Ader meiner sterbenden Gliedmaßen spüren und vor dem Einschlafen ,, Gnade Herrin ” murmeln.

Nach der SM - Nummer kommt das Sprachtraining, mit unserem Regisseur. Schütteln, blubbern und das fortwährende Ausrufen von Fantasieworten bzw. Vokal - und Konsonantenkombinationen lockert den Kiefer, daneben lerne ich, wie die meisten anderen auch, das Zwerchfellgestützte Atmen. Nach dieser eigentlich recht trockenen Übung, die einige Mitspieler auch als Kasperletheater zu begreifen scheinen, geht es in die sog. Chorprobe.

Dieser Begriff ist zweifach zu verstehen. Zum einen geht es um das Einstudieren der Texte des Stückes, die als Chor dargebracht werden und zum anderen geht es um das Einstudieren eines Liedes von Eichendorff ,, Oh, du schöner Wald “ . Der Sinn dieses Liedes im Zusammenhang des Stückes, ist zwar mir als kulturell eher traditionell und konservativ ausgerichtetem Menschen, nicht direkt erschließbar, doch es macht Spaß mit rund 25 Männern, die musikalisch bestenfalls auf dem Niveau einer Zechrunde anzusiedeln sind, ein Lied von nationaler Erhabenheit zu schmettern.

Zum Glück hat niemand das Lied ,, Heil Dir im Siegerkranz “ ausgesucht. In der Chorarbeit macht sich jetzt Zauber breit. 25 Männer, alle unterschiedlich, müssen hier aufeinander achten. Gleichklang heißt das Zauberwort. Es fällt schwer, besonders mir. Ich war immer nur dann ein guter Teamplayer, wenn ich der Kapitän war. Hier bin ich einer von vielen. Mein Therapeut wäre stolz auf mich. Wie sagte er doch so süffisant : ,, Beobachten Sie sich doch einem. Was macht es mit Ihnen, wenn sie die Dinge geschehen lassen und nicht selbst am Ruder stehen “ . Klasse, Theater spielen als Therapie, als ob ich eine Macke habe. Die Wahrheit ist, wir haben alle einen an der Waffel, sonst wären wir nicht hier und so lernen wir mit dem anderen umgehen, ihn zu akzeptieren, zumindest aber hinzunehmen, statt ihm ein Vierkantholz über den Schädel zu ziehen. Anti - Gewalt - Training auf eine andere Art.

Nach der Chorarbeit werden entweder die Durchläufe oder neue Abläufe geprobt. Hier gibt es immer wieder Überraschungen. In letzter Zeit vergeht kein Tag an den nicht, irgendein Text, meistens meine Rolle betreffend, gestrichen wird. Dieses Streichen hat nichts mit der Qualität meiner Schauspielleistung zu tun - heißt es zumindest - aber es tu schon weh und kratzt am Ego, wenn aus dem Fürsten der Hölle, der geprügelte Verwalter einer Gebeinehalle wird.

Da ich mittlerweile jedoch über eine nahezu sozialistische Einsichtsfähigkeit verfüge, sehe ich das Kollektiv und bin bereit als Molekül im Höheren Ganzen aufzugehen. Manchmal macht sich Stress breit und die Gegensätze prallen aufeinander, so dass es laut wird. Dann ist der Auftritt unserer Produktionsassistentin. Engelgleich schwebt sie aus der Tiefe des Raumes hernieder um dann mit blitzenden Augen, den Übeltäter in einer Weise zu tadeln, dass dieser beglückt von dannen zieht, in der festen Überzeugung, man habe Verständnis für ihn.

Überhaupt ist sie, trotz ihres jugendlichen Alters, die Mutter der Kompanie. Sie sorgt dafür, dass unser Regisseur, wenn er sich bei einer Zigarette und einer Tasse Kaffee kreativ verplaudert, den Zeitplan einigermaßen einhält. Sie verhandelt mit dem Leviathan von Beamtenapparat hier in Tegalien, um alle Mitspieler rechtzeitig und unbehelligt, durch niedere Durchsuchungs - und Wegschließinstinkte der kulturell Unbeleckten, am Probenort versammeln zu können. Auch notiert sie akribisch Aufstellung und Szenenaufbau, damit diese später reproduziert werden können. Unterstützt wird sie dabei vom Regieassistenten, der nebenbei noch all die Dinge erledigen muss, die keiner von den Hauptakteuren sieht.

Um das Ensemble abzurunden, gibt es noch zwei weitere bezaubernde weibliche Wesen, die sich nähend und besorgend, um die der Dramatik des Stückes gerecht werdende Kleidung verdient machen.

Daneben haben mir diese Proben noch die Bekanntschaft mit einem ungemein witzigen Dramaturgen beschert. Immer fröhlich und gut gelaunt - einer Buddhastatue ähnlich - sitzt er mit einer Thermoskanne bewaffnet etwas abseits, um unsere Fähigkeiten in der Umsetzung seines Gedankengutes zu beobachten.

Was mich am meisten erstaunt, ist, dass jetzt nach 6 Wochen intensiver Arbeit, tatsächlich die meisten ihre Texte können. Die, die sich etwas grobmotorisch in der Hirntätigkeit anstellen hat unsere Regisseur mit Trommeln bewaffnet, so dass sie martialische Statuen abgeben, anstelle von feinsinnigen Geistesathleten. Die anderen aber erzählen die Geschichte eines Helden, der einmal zu viel tötete und dadurch zum Mörder wurde, mit so viel Engagement, dass ich mich meiner Arroganz zu Beginn der Proben schäme.

Hier ist eine Truppe auf der Bühne, die beileibe nicht perfekt ist, aber die das, was sie darstellt mit Herz und Willen macht, so dass es Spaß macht dabei zu sein. Dieser Spaß ist es, der jeden einzelnen von uns trägt und aus Individualisten ein Ensemble schmiedet. Auch wenn der eine oder andere froh ist, den einen oder anderen am Ende der Aufführungen nie wieder sehen zu müssen, so freuen sich doch die meisten darauf bei der nächsten Aufführung wieder mit denselben Chaoten und eventuell ein paar Neulingen zu arbeiten. Da kommt er dann wieder der Zauber der Einheit.

Ich weiß immer noch nicht was mich geritten hat, bei dieser Produktion mitzumachen, doch ich weiß, egal was es war, es war richtig mitzumachen.

 

21.10.2005

Liebes Tagebuch

Nachdem ich in den letzten Wochen etwas vom Thema abgewichen bin und vielleicht auch etwas despektierlich berichtet habe, möchte ich heute wieder zu einer ernsthaften und etwas seriösen Berichterstattung zurückkehren.

Wir haben sehr gute Fortschritte gemacht und unser Stück heute zum ersten Mal komplett durchgespielt, wenn auch mit kleinen Unterbrechungen und leichten Veränderungen in der Choreographie. Es war für mich sehr beeindruckend, was wir auf die Bühne gebracht haben. Viele Einzelteile fügten sich auf einmal harmonisch ineinander und bekamen eine Dynamik und ein Eigenleben, die mir sehr gut gefielen. Selbstverständlich haben wir auch noch Fehler gemacht und wir werden bis zur Premiere am Freitag noch sehr hart arbeiten müssen. Aber was aus der am Anfang völlig ungeordneten Horde von Individualisten bis heute geworden ist, nämlich eine gute, homogene Truppe, die aufeinander Acht gibt und das Miteinander immer besser beherrscht, ist schon klasse !

Neben der allen Gruppen eigene Dynamik bedurfte es zweier ganz besonderer Menschen, diesen Wandel zu bewerkstelligen. Diese beiden möchte ich Ihnen heute, wenn auch unvollkommen, ein wenig näher bringen und anempfehlen.

Da ist zu einem Regisseur Peter. Heimlich nenne ich ihn manchmal den ,, Der aus den Tüten isst “ . Seine Brotzeit setzt sich, meistens jedenfalls, aus einem Glas Würstchen, einer Kaufhaus- Packung Bouletten und einer Tüte mit einem halben, schon vorgeschnittenen Brot aus demselben Kaufhaus zusammen. Ganz offensichtlich hat er vor lauter Arbeit keine Zeit, sich eine vernünftige und vor allem gesündere Mahlzeit zusammenzustellen. Vielleicht könnt Ihr ihm zur Premiere ja eine Stullenbüchse, ein Buch über gesunde Ernährung für gestresste Theaterleute, sowie einen Zeitplan schenken. Würde ihm sicher helfen.

Von dieser kleinen Macke abgesehen, ist Peter ein sehr leidenschaftlicher, von seiner Arbeit erfüllter Mensch mit einem hohen Maß an Kreativität. So ist er während unseres Aufwärm-Bewegungsteils , in dem wir viel Sport machen und , ich zumindestens, ganz schön ins Schwitzen komme, immer zwischen uns und macht alle Übungen mit. Er arbeitet auch in der Choreographie mit uns und bekommt sicher auch ein Gefühl dafür, wie es uns dabei geht und was er uns zumuten kann. Für mich ein absolut Vorbildliches Verhalten.

Er hat immer ein offenes Ohr für uns und unsere Sorgen und ist auch offen für Änderungsvorschläge von unserer Seite. Was das Stück selbst angeht, da hat der schwedische Schriftsteller und Regisseur Lasse Noren, der zu einer Stippvisite heute unsere Gast war, folgendes sinngemäß gesagt : Er sei beeindruckt davon, wie Peter und sein Team mit sehr wenigen, aber effektiven Mitteln ein sehr ausdrucksstarkes und dynamisches Stück inszeniert haben, und welche Kraft und Energie die Choreographie ausstrahlt.

Und damit bin ich auch schon bei dem zweiten besonderen Menschen, den ich Ihnen heute besonders anempfehlen möchte.

Unserer Choreographin Valerie. Sollten sie Valerie nach einer der Vorstellungen begegnen, so werden Sie sie an ihren Augen erkennen. Haben Sie schon mal im Frühling im Wald unter einer Buche oder Eiche gelegen und beobachtet, wenn sich die ersten Blätter aus ihren Rindenknospen befreien und sich aufrollen ? Sie haben dann nämlich einen ganz besonderen warmen, frisch- glänzenden Grünton, bevor sie in den nächsten Stunden von der Sonne zur Photosynthese angeregt werden und abdunkeln. Genau diesen frischen und seltenen Grünton haben Valeries Augen. Und so ist auch ihre ganze Ausstrahlung. Erfrischend, Belebend, Anmutig und Wärme ausstrahlend. Halt wie ein frisches Frühlingsblatt. Ansonsten ist sie eine sehr disziplinierte und leidenschaftliche Arbeiterin. Mit ihren Sport- Übungen hat sie so manchen von uns an die Grenzen seiner Fähigkeiten gebracht, aber sie hat uns damit fit gemacht für die Tortouren auf unserer Bühnenrampe.

Ihre Choreographie für unsere Marsch- und Kampfszenen hat sie sehr gut und professionell angelegt. In den ersten Tagen und Wochen haben wir immer nur Bruchstücke der verschiedenen Schrittfolgen geübt und wussten gar nicht so recht, wo das hinführen soll. Aber als dann so nach und nach zusammengefügt wurde zu einem fließenden Gemälde, waren wir alle sehr beeindruckt. Von dieser Choreographie leben weite Teile unserer Aufführung und ich bin absolut beeindruckt, was Valerie aus uns Nicht- Tänzern und Nicht- Schauspielern rausgeholt hat, und wie sie aus uns, gemeinsam mit Peter, ein temporäres Kunstwerk erschaffen hat. Dies ist kreativer Schöpfergeist in Reinform !

Sie fragen sich sicher, warum ich Ihnen gerade diese beiden Menschen vorstelle ? Ganz einfach ! Weil diese beiden und ihr Team Eure Arbeit tun. Sie scheuen sich nicht, hierher nach Tegel zu kommen und mit ihrer Arbeit unseren Glauben an Euch zu erhalten. Sie zeigen uns, dass wir Euch nicht egal sind und dass Ihr uns nicht vergessen habt. Für diese Arbeit hier mit uns bedarf es besonderer Menschen, deren Menschwerdung weiter vorangeschritten ist als die Eure. Wie sie ! Dafür haben sie unseren Respekt und unsere Anerkennung !

Mögen uns alle Wesen stets mit Liebe und Wohlwollen begegnen

Gute Nacht

Dirk Stephan

 

23.10.05

Wo liegt der Schmerz oder das Schöne im Schauspiel ?

Es ist für mich nicht die Erste Produktion die ich mitmache und ich hoffe auch nicht die Letzte. Nach nun fünf Wochen intensiven Übens kann man langsam den Erfolg schon sehen, die Texte laufen gut durch, die Bewegungsabläufe treiben uns den Schweiß auf die Stirn, da oder dort hackelt es zwar noch, aber gerade die Alten wissen, es ist nur eine Übungssache. Und natürlich hofft jeder das es keine Änderung von der Regie gibt, Texte rausfliegen, oder neue hinzu kommen. Ganz langsam wird einigen bewusst das es nun noch eine Woche ist bis wir vor Zuschauern stehen und alles geben was wir können, ebenso langsam kommt das Lampenfieber hoch, das flaue Gefühl im Magen ! Das weiche Knie Symptom !

Jeder stellt sich wohl die Frage : ,, hoffentlich vergesse ich keinen Text ! “ Jedem wird aber auch bewusst das eine sehr intensive und schöne Zeit vorbei geht. Nur warum machen wir das alles ? , aus dem Mangel nichts anderes machen zu können ? , aus dem Umstand viel Zeit zu haben, oder weil wir fast alle der Meinung sind das es Themen gibt mit denen wir uns genauso wie die Öffentlichkeit auseinander setzen müssen um als Gesellschaft leben zu können ?

Das Stück von Heiner Müller ist nicht nur schwer, es ist auch Schwermütig und macht nachdenklich, und so wird auch die Meinung der Öffentlichkeit gespalten sein, mit Fragen auf díe es keine einfache Antwort gibt. Jeden wird aber klar ,, in einer Woche werden uns diese Fragen gestellt werden ! “ Und wir werden alle versuchen, uns diesen Punkt zu stellen. Die Leute hier drinnen, also die Inhaftierten haben schon ihre Meinung, 10 - 20 % Interessierte die sich nicht nur an einem Schauspiel erfreuen möchten sondern es auch zu verstehen versuchen, und der Rest ? Es gibt wie üblich die Leute mit Kleingeist die weder verstehen möchten, es auch nicht wollen. Und auch ihr Unrecht nicht einsehen können, sie Lästern, Beleidigen und zeigen mit den Fingern auf uns, begleitet von diversen Worten die ich hier nicht wiedergeben möchte, auch das macht sehr nachdenklich !

Trotzdem lassen wir uns nicht abhalten, oder unterkriegen, das Ensemble freut sich auf den Tag der Premiere.

Volker Ullmann

 

28.10.2005

Die Premiere

Nun war es soweit, wir standen im Treppenhaus und warteten auf das Signal das es los geht, nervöses Gemurmel bei allen, wir wussten ja das der Saal voll ist, mit Freunden, mit Leuten die wir nicht kannten und Inhaftierten. Aber auch noch ein hoher Besuch war angekündigt worden, die Justizsenatorin von Berlin Frau Schubert ! Wow ! Jede Menge guter Gründe ,, Lampenfieber “ zu haben. Das Signal kommt es geht los, es kribbelt, die Beine sind weich, der Bauch zieht sich zusammen, mit viel Lärm und Getöse steigen wir die Treppen rauf, die Trommeln geben uns den Rhythmus vor, dann treten wir ein, die Axt hoch, Rücken gerade den Kopf steil erhoben, nur nichts anmerken lassen......, das Stück beginnt..... Der erste Chor, der erste Bewegungsablauf, die ersten einzelnen Texte, der Anfang ist gut, das nervöse legt sich langsam, die Zuschauer sind da und doch sind sie es nicht. Peters ( Regie ) Worte gehen mir durch den Kopf ,, das ist eure Zeit, spielt und lebt sie, es kann euch keiner nehmen, genießt den Augenblick ! “ Es gibt Zwischenapplaus, die Zuschauer lachen und sind bei anderen Stellen völlig ruhig. Man spürt die Spannung, die Texte wirken, man denkt nach........

Es war eine Premiere wie man sie in Tegel noch nicht erlebt hat, der Applaus zwischen durch, 8 - mal wurden wir unterbrochen und jeder einzelne genoss es, es gibt glückliche Gesichter. Nach 1 Stunde und 30 Minuten ist es geschafft der letzte Text, das letzte summen einer Melodie dann geht das Licht aus !

Die Zuschauer sind einen kleinen Moment leise, stille...., und der Beifall setzt für uns alle ein, ein schönes gutes Gefühl. 6 Wochen Proben sind vorbei und viele Herzen sind erleichtert.

Ein Lob und auch besondere Gesten kamen von Frau Schubert, Sie kam auf die Bühne um uns zu Gratulieren, allen den Inhaftierten genauso wie dem externen ,, aufBruch - Team ".

Die Zeit verging zu schnell, wir durften dableiben, die Zuschauer hatten viele Fragen, und ein Premieren Büffet gab es auch.

Aber ein bittere Geschmack gab es trotzdem, nach dem die Zuschauer gegangen waren sollten die Reste vom Büffet aufgeteilt werden...., einige machten uns schnell klar wo wir waren !

Bitter ist es ins besondere wenn man Menschen erlebt, gerade den osteuropäischen sagt man zu oft und auch ungerechter Weise vieles nach. Leider gibt es einige die diesem Ruf gerecht werden, sich die Taschen vollstecken, und alles zusammenraffen was ihnen zwischen den Fingern kommt, mit anderen Teilen..... ? , es wird deutlich was man unter Realen - Sozialismus zu verstehen hat und einige Führer dieser Politik würden sich wohl vor Scham im Grabe umdrehen, wenn sie das gesehen hätten. Traurig daran ist wir sind ein Team, wo es auf jeden ankommt, wo man nur zusammen das erreichen kann, was auf der Bühne geschieht.

Leider haben das einige nicht verstanden.

Volker Ullmann