Montag, 26. Januar 2004:


 

Um 4.30 Uhr startet unser Sammeltaxi im Friedrichshain zum Flughafen Tegel. Mit 50 kg Übergewicht checken wir ein, und das obwohl wir einen Teil der Gastgeschenke im Kühlschrank der Produktionsleiterin vergessen haben. Eine Fokker 100 bringt uns mit ca. 2 Stunden Verspätung sicher zum Flughafen in Moskau Domodedowo. Dort nimmt uns ein Kommando aus dem Ikschaer Jugendgefängnis in Empfang und bringt uns mit einem Kleinbus nach Ikscha / Nowoje Grischino, dem Sitz der gut 100-jährigen Anstalt. Der stellvertretende Anstaltsleiter begrüßt uns, da der Anstaltsleiter krank ist und wir gleichen den Stand der Verhandlungen ab. Nebenbei läuft eine bekannte amerikanische Fernsehserie im Fernsehen. Der Bildschirm flimmert ähnlich verschneit wie die russische Landschaft um uns herum. Noch stehen wir uns alle sehr skeptisch und vorsichtig gegenüber. Dennoch herrscht eine große Neugier auf die bevorstehende Zeit. Als es um die Besichtigung der organisierten Quartiere geht, begreifen wir einmal wieder die Bedeutung des Begriffes "russische Verhältnisse": Statt der, immerhin seit einer Woche angekündigten, 4 Zimmer in drei Wohnungen, stehen nun nur zwei 1-Raum-Wohnungen für uns zur Verfügung. Aus einer muß ein verdienter Veteran der Jugendkolonie zu einer Bekannten ausziehen. Sein Mittagessen steht noch halbgegessen im Kühlschrank. Der Wind zieht durch die Fenster, ein Großeinsatz von Reinigungsmitteln ist notwendig, Extra-Feldbetten werden organisiert und das Versprechen unter dem Einsatz aller Kräfte sofort eine weitere Wohnung zu organisieren steht in der Luft. Dort befindet es sich am Ende der Woche immer noch. Also organisieren wir uns in nach Männern und Frauen getrennten WGs. Die Küche der Männer-WG kristallisiert sich schnell als der allgemeine Versammlungs-, Koch- und Arbeitsort heraus. Die Kücheneinrichtung überzeugte. Also sind wir oft zu sechst auf ca. 6 qm versammelt.


 

Nachdem wir uns etwas akklimatisiert haben, folgen die ersten Arbeitsgespräche mit der Anstaltsleitung. Jeder versucht mehr vom Gegenüber zu erfahren, die eigene Situation und die eigenen Vorstellungen zu klären. Keiner scheint so richtig kompetent, keiner richtig verantwortlich. Der Leiter der Anstalt ist noch krankgeschrieben und alle warten auf seine Entscheidungsgewalt. Es gibt noch einen kleinen Abendimbiss, danach versuchen wir uns in den zwei ortsansässigen Einkaufsläden mit dem russischen Warenangebot vertraut zu machen und uns die notwendigsten Grundbedürfnisse zu erfüllen. Fürs erste Tiefkühl-Pelmeni, saure Gurken und Wodka.
 


 

Dienstag, 27. Januar 2004:


 

Der Tag beginnt mit einem weiteren Versuch, im Büro des Stellvertreters Klarheit in die Arbeits- und Teilnahmebedingungen zu bekommen. Immerhin dürfen wir mit allen Interessierten arbeiten, wenn diese dazu Lust haben, d.h. es gibt primär keine Vorauswahl. Den uns angebotenen Probenraum (ein winziger fenster- und sauerstoffloser Raum im Schulgebäude mit festgeschraubten Stühlen) verwerfen wir, zu klein für unsere Bedürfnisse. Ein Schulterzucken und unser Gegenüber marschiert mit uns über das Anstaltsgelände, auf der Suche nach etwas Geeigneterem. Wir schauen uns verschiedene Werkhallen an und den Klubraum. Etwas ratlos brechen wir die Suche vorläufig ab.


 

Am Nachmittag steht ein Appell für die deutsche Delegation auf dem Plan. Alle Jungs stehen der Größe nach in Reih und Glied stramm, Augen geradeaus im Schulfoyer. Es gibt einige Verspätungen, sie stehen etwa 10 Minuten ohne daß irgendetwas passiert. Offenbar ein nicht ungewöhnlicher Zustand für sie. Wir warten mit ihnen und fühlen uns ob der Situation merklich unwohler. Dann das Zeichen, wir dürfen uns vorstellen. Peter, unser Regisseur beginnt seine Ansprache auf Russisch, kein schlechter Einstand. Wir stellen unser Projekt kurz vor. Die Jungs hören zu, es melden sich die Interessierten, treten vor. Danach gehen wir mit ca. 60 interessierten Jugendlichen in den Kultursaal der Schule und erzählen etwas über unsere Arbeit unsere Vorstellungen und den geplanten Probenablauf, unterbrochen durch permamentes "Hereinschauen" aller möglicher Bediensteter, Lehrerinnen, Stellvertreter und der Direktorin der Schule. Letztere drängt dann auch zum Tee im Direktorenzimmer. Mit der Verabredung zur nächsten Probe am übernächsten Tag mit der Aufgabe, kleine Kostproben der eigenen Talente vorzubereiten, beenden wir die Zusammenkunft. Die Jungen verschwinden in ihren Unterricht.


 

Tee und Kekse. Die Direktorin und eine Lehrerin (wir erlebten ihren engagierten Auftritt schon als zu verkuppelnde Braut in der Schultheateraufführung, die uns hier im November gezeigt wurde) zeigen Fotos der vergangenen Inszenierungen. Zwei dicke Alben. "Grandios" ist das meistbenutzte Wort und bezieht sich unmissverständlich auf die durch uns zu erwartende Produktion. Wir entziehen uns dieser Mangel indem wir auf die naheliegenden Probleme ablenken, u.a. das des Probenraums. Der rettende Vorschlag kommt, als es bereits dunkel ist: ein grosser Schlafsaal in einem mittlerweile leerstehenden Wohngebäude in der Anstalt. Strom, Licht und Heizung fraglich. Besichtigung? Morgen sicher. Mittlerweile sind wir erfahren genug, Gelegenheiten gleich beim Schopfe zu packen: Mit zwei Vertretern der Anstaltsleitung und einer Taschenlampe tappen wir im Dunkeln durchs Treppenhaus. Die Steinstufen sind abgewetzt, man spürt die Jahre, die dieses Haus auf dem Buckel haben muß. Ansonsten riecht es nach Moder und wir sind eigentlich ganz froh, nicht alles genau sehen zu müssen. Oben dann ein großer Raum mit wenigen lauen Heizungsrohren und schlecht mit Folie abgeklebten Fenstern, durch die der Wind pfeift. Wir sind am Ziel unserer Träume. Die Löcher in den Dielen sehen wir erst im Tageslicht des nächsten Tages. Noch im flackernden Taschenlampenlicht einigen wir uns auf diesen Probenraum. Es muß noch Licht und Strom verlegt werden, vor die teilweise fehlenden Fenster werden mehrere Lagen Folie gespannt, und die Heizung muß fürs erste genügen. Als wir durch das dunkle Treppenhaus zurückstolpern wollen, fällt die Lampe endgültig aus. Aufkommende Gedanken an Oberschenkelhalsbrüche vor Produktionsbeginn vertreiben wir mit lustigem Gescherze und während wir uns gemeinsam die brüchige Treppe entlang tasten, sind sich die Natschalniks und die deutsche Delegation wieder ein Stück näher gekommen.
 


 

Mittwoch, 28. Januar 2004:

Dieser Tag steht im Zeichen des Internets.


 

Eine Verbindung ins Internet gestaltet sich als schwieriger als gedacht. Der Telefonanschluss, der uns genauso zugesichert wurde wie die 4 Zimmer, haben wir in unseren Wohnungen leider doch nicht. Von der Anstalt aus kann man nur von einem Telefonanschluss aus Ferngespräche führen; und dort eine freie Durchwahl zu bekommen ist eher Glückssache. Gleichzeitig wäre aber ein Internetanschluss, der für Dienstgebäude der Anstalt verfügbar sei, bereits seit 2 Tagen in Arbeit. Sicherheitshalber fahren wir trotzdem ins ca. 35 km entfernte Dmitrov, einer etwas grösseren Stadt. Dort besorgen wir russische SIM-Karten für Mobiltelefone, gehen in ein Internet-Cafe und können auf einigen russischen Märkten nun die volle Breite der ortsüblichen Produktpalette erleben. Wir sind durchaus begeistert, Elke, unsere Kostümbildnerin kauft sich sofort eine neue Mütze. Auch an der russischen Matrosenunterwäsche und Filzeinlegesohlen kommen wir nicht vorbei, geschweige denn an den eingelegten Gurken und anderen Spezialitäten.


 

Wir hospitieren in der Schule und an den verschiedenen Arbeitsplätzen in der Anstalt, um unser Bild von den Lebensbedingungen in der Jugendkolonie etwas zu schärfen. Am Donnerstag kommt der Anstaltsleiter Pavel Valentinowitsch in die Anstalt. Die Verhandlungen laufen in einer ungewöhnlichen Geschwindigkeit. Am Nachmittag um 15 Uhr ist die erste Probe angesetzt. Zur Einstimmung gibt uns die Band aus der Anstalt ein Rockkonzert, eigene Songs, Lieder von russische Sängern, Liebeslieder, ein Lob auf Marihuana sind wild gemischt. Danach gibt es noch einige kleine Talentproben - Gedichte werden aufgesagt, Texte gesprochen. Zum Schluss markiert einer einen Affen. Danach fangen wir mit 20 bis 30 Jugendlichen ein erstes Aufwärmtraining, Lockerungs- und Stimmbildungsübungen, einige Spiele und Improvisationsansätzen an. Die Stimmung ist noch zwischen Berührungsangst und Unsicherheit, aber das erste Eis scheint gebrochen.
 

 

 

Freitag, 30. Januar 2004:


 

Das Wetter ist schlecht, in der Nacht schneit es ziemlich heftig, am Morgen taut es aber wieder. Wir wollen eine Tour zur Besichtigung von Gastspielmöglichkeiten machen. Da das Wetter unsicher ist, wissen wir nicht, was wir alles schaffen werden. Und so richtig vorbereitet ist die ganze Tour auch nicht. Der Fahrer scheint auch keine Landkarte zu besitzen, um die wirklichen Entfernungen klären zu können. Uns steht also eine Fahrt ins Ungewisse bevor. Zur Unterstützung unserer Mission wird uns der Anstaltspsychologe mitgegeben.
Das Fenster beim Fahrer muss ständig geöffnet sein, sonst beschlägt die Frontscheibe. Obwohl die Heizung auf Hochtouren läuft, kommt keine wohlige Wärme auf. Nach gut 1½ Stunden erreichen wir Selinograd. Dort fahren wir zu einem Gefängnis, in dem ca. 600 Männer einsitzen. Es befindet sich mitten in einem Wohngebiet und ist schwer bewacht. In der Schleuse laufen die Wächterinnen mit Kalaschnikows umher. Keiner weiß, dass wir erscheinen. Nach einer Viertelstunde erscheint ein schwammiger, aufgedunsener Hauptmann mit Cowboystiefeln, der zuständige Politoffizier. Er tut wahnsinnig wichtig und bedeutsam. Vor jeder Antwort setzt er ein überlegen wissendes Lächeln auf. Er erklärt uns, dass der Kultursaal sich in zukünftiger Renovation befindet, also frühstens im Herbst wieder zu betreten sein wird. Deshalb können wir die Anstalt überhaupt nicht betreten. Es tut ihm natürlich sehr leid. Wir versuchen ihn in irgendeiner Form zu überzeugen, uns dennoch den Saal anschauen zu können, weil wir sonst unsere Mission als völlig überflüssig betrachten würden. Wir stehen ewig mit eiskalten Füssen im Nieselregen vor der Anstalt umher. Schließlich rufen wir Pavel, unseren Anstaltsleiter an, der verspricht sich sofort darum zu kümmern und den Leiter dieses Gefängnisses anzurufen. Nach einer weiteren halben Stunde in der Kälte, können wir dann in das Gefängnis. Hier müssen wir Pässe und Telefone abgeben, müssen eng in der Gruppe zusammenbleiben. Als erstes sehen wir ein in der vergangenen Nacht eingestürztes Gewächshaus. Die Bewachung ist hier deutlich schärfer, es gibt Patroullien- und Hundegänge, mehrere Stacheldrahtzäune und hohe Mauern. Ein Teil der Anstalt soll wegen Altersschwäche abgerissen werden, ein Teil soll rekonstruiert werden. Das einzige Neue was gerade entsteht, ist eine Kirche, der gerade das Zwiebeltürmchen aufgesetzt wird. Der Kultursaal ist wirklich ziemlich ruinös, der Fußboden ist herausgerissen, Licht und Elektrizität sind nicht vorhanden, an Bespielbarkeit ist nicht zu denken.


 

Etwas bedeppert stehen wir dann vor der Anstalt und denken uns, dass man das wirklich telefonisch hätte klären können. Um den Tag nicht als sinnlos abhaken zu müssen, beschließen wir noch nach Moschaisk weiterzufahren und bitten Pavel, uns in beiden Anstalten dort anzumelden. Der Fahrer bekommt einen mittelschweren Wutanfall, weil er jetzt einen langen Arbeitstag vor sich sieht. Er verspricht am nächsten Tag, nicht auf Arbeit zu erscheinen. Es soll eine Abkürzung geben, aber der Fahrer kennt sie nicht - wir müssen über den Moskauer Ring fahren, wo immer Staugefahr besteht.


 

Nach ca. 3 Stunden kommen wir nach Moschaisk, wir haben uns vor den Toren der Stadt etwas verfahren, keiner weiß so richtig wo das Gefängnis ist. Nach einigen Rückfragen auf der Straße erinnert sich der Anstalts-Psychologe wieder und wir finden schnell den richtigen Weg. In der Jugendkolonie werden wir freundlich von dem dort zuständigen Polit-Offizier empfangen. Unser Psychologe kennt die Leute hier, die Anstalten kooperieren miteinander. Schnell kommen wir auf ein Tässchen Tee zum Anstaltsleiter, der nach unserer Arbeit und nach unseren Wünschen fragt. Er fragt, warum wir in Ikscha und nicht bei ihm arbeiten. Aber er freut sich auch auf ein bevorstehendes Gastspiel. Und schnell wird uns der Kultursaal gezeigt. Es ist die größte Bühne in der Gegend. Sie befindet sich neben der Anstalt und wird auch für andere Veranstaltungen mitgenutzt. Durch das Dach regnet es durch, Licht funktioniert auch nur noch teilweise, aber es ist viel guter Wille vorhanden. Bei dem Gastspiel ist eventuell auch noch der Einlass von Publikum aus der Ortschaft denkbar. Wir sind froh und zufrieden und fahren schnell weiter ins Frauenlager.


 

Dort fällt der Empfang deutlich unfreundlicher aus. Sie sind sauer darüber, dass wir uns für das Ikschaer Gefängnis entschieden haben, und wissen noch nicht, dass sie uns bei der Herstellung der Kostüme unterstützen sollen. Außerdem ist es schon kurz vor Feierabend und eigentlich wollen sie uns gleich wieder wegschicken. Dann lassen sie sich aber davon überzeugen, uns noch mal die Produktionsbedingungen zu zeigen und wollen natürlich schon genau wissen, welche und wie viele Kostüme herzustellen sind. Es herrscht eine ziemlich angespannte Atmosphäre. Wir schaffen es noch, den Kultursaal dort zu vermessen und uns über die Arbeitsbedingungen dort klar zu werden. Schnell verlassen wir die Anstalt mit der Maßgabe, bis zum nächsten Donnerstag Kostümentwürfe zu liefern und dann vormittags zu erscheinen. Die Rückfahrt zieht sich über 3½ Stunden hin. Da um 21 Uhr der letzte Laden in unserer Siedlung schließt, legen wir vorher noch einen Einkaufsstopp ein. Als dann schon fast alles überstanden scheint, geht plötzlich das Benzin aus. Schadenfroh meckert unser Fahrer unserem Begleiter zu: "Jetzt können deine Deutschen das Auto zur Tankstelle schieben!!" Nach einigen Versuchen, den Motor wieder anzulassen, schafft er es aber noch mit den letzten Tropfen Benzin zur Tankstelle. Zu guter Letzt sind wir froh, nach dieser Marathon-Tour wieder in unserer "neuen Heimat" anzukommen.
 


 

Samstag, 31. Januar 2004:


 

Den Vormittag nutzen wir zu einer konzeptionellen Runde, wo alle auf den aktuellen Stand gebracht werden, der geplante Stückablauf von allen diskutiert wird. Inhaltlich zieht nun bei allen etwas Klarheit ein, einige Streitpunkte kommen zu Tage, aber alle sind irgendwie im Boot.
Danach fallen wir alle ins Büro des Anstaltsleiters um noch mal mails abzurufen, zu überprüfen ob unsere Konten schon gesperrt sind und einige Informationen aus dem Internet zu holen. Nach einem Telefonat mit dem Ministerium kündigt sich sofort hoher Besuch für den kommenden Montag an. Außerdem scheinen die Drehgenehmigungen für´s Fernsehen bestätigt zu sein, und am Montag wird auch das erste Fernseh-Team erwartet.


 

Die Probe beginnt dann mit einiger Verspätung. Einige Gesichter sind neu, einige fehlen uns schon wieder. Es wird eine Liste angelegt, und wir beschließen auch eine Anwesenheitsliste zu führen. Unser neuer Probenraum wird noch mit einigen Decken vernagelt, um angenehmere Temperaturen zu gewährleisten. Aber es ist nun erst mal eine prinzipielle Probenmöglichkeit vorhanden, die noch etwas qualifiziert werden kann. In der Truppe hat sich auch schon eine Fraktion der Stimmführer gebildet, und einige trauen sich kaum zu Wort.


 

Die Gruppe ist körperlich ganz gut in Form, aber Grundbegriffe von Körperspannung und Bühnenpräsenz sind nicht so einfach vermittelbar. Die Disziplin funktioniert. Erste biomechanische Elemente werden probiert, Chor und Gesang werden angeprobt.
Am Ende stellt sich uns das Aktiv der Gruppe vor, also diejenigen die im Rahmen der Selbstverwaltung der Jugendlichen in der Anstalt für die Klärung aller Fragen bezüglich der Theatergruppe zuständig sind. Wir wollen noch einige Decken besorgen, damit man sich auch mal auf den Boden legen kann.
 


 

Sonntag, 01. Februar 2004:


 

Erholungstag, Spaziergang, lesen, einige dramaturgische Gespräche.
 


 

Dienstag, 03. Februar 2004:


 

Gestern traf eine Delegation des Justizministeriums ein. Bei dem Gespräch waren alle aus dem Team anwesend und die drei Köpfe der Lagerleitung. Das Filmteam von 3sat war auch dabei.
Das Ministerium hat bei diesem Treffen klar gemacht, dass sie ein positives optimistisches Stück wünschen. Wir hielten dagegen, dass es für die Bildung eines bewussten Umganges mit seiner Vergangenheit und Entwicklung von Lebensvorstellungen (die Jungs im Lager sind im durchschnitt 16 Jahre), der Formulierung des Negativen bedarf. Unser Held landet natürlich am Ende im Gefängnis. Ein Fakt den der Oberst aus dem Justizministeriums und seine Begleiterinnen, zwei Vertreterinnen einer Hilfsorganisation für Gefangene als nicht haltbare Aussage geändert sehen wollen. Sie schlugen uns vor, Aschenputtel oder Dornröschen zu inszenieren. Wir behaupteten unseren Standpunkt und seitdem ist der Umgang der Lagerleitung mit uns wesentlich formeller. Bis auf die Lehrerinnen die das Stück gern realisiert sehen wollen.


 

Wir sind uns alle einig, dass wenn eine Änderung der Aussage am Ende des Stückes in Erwägung gezogen werden sollte, dann wird sie so operettenhaft, dass sie sich selbst unterläuft.
 


 

Mittwoch, 04. Februar 2004:

Die Arbeit mit den Jugendlichen selber ist sehr spannend, wenn auch äußerst anstrengend. Die Chefs (Lagerälteste) schüchtern die Kleinen immer wieder ein und verhindern deren Entfaltung. Wir können sie aber nicht alle rausschmeissen, da Ihre Präsenz auf der Bühne durch ihr Selbstbewusstsein wesentlich stärker ist und nur mit den "Dünnen" und "Unsicheren" kannst du eben auch nicht arbeiten. Hier sehe ich die zweite Front an der wir stehen. Hinter uns ein Apparat von Beamten des Ministeriums, vor uns ca. 30 Jungs die auf das Gesetz des Stärkeren getrimmt sind. Die Älteren sind nicht selten schon 6 Jahre in diesem Lager. Wenn wir sie nicht von unserer Idee, Theater zu spielen, überzeugen können, endet das Ganze in einem Desaster.
 


 

Samstag, 07. Februar 2004:


 

Nach dem gestrigen Badetag in der Anstalt, bei dem nur ein Drittel zur Probe kam, gabs heute ordentlichen Krach seitens der Lagerleitung. Da ein Großteil der Jungs nicht zu Probe kam.


 

Die Unterkünfte und die Schule (von deutschen Kriegsgefangenen gebaut), sind von den Arbeitsstätten getrennt und extra gesichert. Hier herrscht Selbstverwaltung. Das bedeutet, die Älteren unter den Inhaftierten regeln die notwendigen Verrichtungen, verteilen Aufgaben und überprüfen die Vollzähligkeit. Sie können sich auf dem Gelände frei bewegen. Beim Überprüfen der Teilnehmerliste stellten sie nun fest, dass sich die Jungs nicht auf der Probe befanden, wo sie eigentlich sein sollten. Sie konstatierten, dass es sich bei den Nichtanwesenden wohl nicht um Theaterinteressierte, sondern um Schulschwänzer handeln muss, da sie ausgerechnet am Badetag fehlen, wo schulfrei ist. Jetzt hatten sie ordentlich Stress, um die Schulschwänzer im Wohngelände ausfindig zu machen Dies wurde der Leitung gemeldet und diese wiederum fürchtet, dass ihnen das ganze etwas ausser Kontrolle gerät. Nach der, durch die geringe Anzahl der Anwesenden angenehmen Probe, gab es einen Appell im Kultursaal, bei dem wir auch anwesend waren. Der zweite Stellvertreter des Kommandeurs, eine väterliche Autorität, schiss die Jungs erst mal ordentlich zusammen und forderte uns auf, unsere Arbeitskriterien darzulegen.
 


 

Sonntag, 08. Februar 2004:


 

Heute ist Sonntag und Elke/Kostümbildnerin ist mit Holger/Bühnenbildner seit zwei Tagen wieder in Deutschland, der Dolmetscher ist bei seiner Familie in Moskau und die verbleibenden 3 Leute unseres Teams können sich heute die zwei Einraumwohnungen in denen wir seit zwei Wochen recht beengt leben so teilen, dass man sich nicht ständig auf die Füsse tritt. Normalerweise sieht das so aus, dass wir abends nach der Probe zu sechst in der Küche der Männer sitzen und kochen, Wodka trinken und den Tag auswerten. Ein Ritual, das sich nach zwei Wochen mehr als erschöpft hat. Die Neuigkeiten sind längst keine mehr und die Standpunkte der einzelnen Mitglieder sind im Wodkadunst mehrmals deutlich ausgesprochen worden.
 


 

Dienstag, 10. Februar 2004:


 

Gestern war wider Erwarten eine sehr intensive Probe. Es kamen wirklich nur noch diejenigen, die Lust auf die Arbeit haben. Wir sind jetzt bei zwanzig Jungs. Von den Chefs sind nur noch wenige da, was sicherlich damit zusammenhängt, das wir einen von ihnen rausgeschmissen haben. Für die Jüngeren ist das ein Segen, auch für uns. Unsere Favoriten sind Gott sei Dank geblieben. Wir haben erste Texte reingegeben und das Anfangsbild gebaut.
 


 

Mittwoch, 11. Februar 2004:


 

Einer der Jungs, Victor, darf seit gestern nicht mehr zur Probe, Verdacht auf Tuberkulose. Ein schmächtiger Junge, aber ein tüchtiger Arbeiter auf den Proben. Hoffentlich sehen wir ihn bald wieder.
Unsere Hauptrollen Gennadi, Alexej Nikolin, 2 x Stass waren auch in den Schulaufführungen aktiv und sind durch die Jahre unter den herzigen Lehrerinnen zu ganz schönen Chargen verkommen. Mal sehen, ob wir das Pathos aus ihnen herauskriegen. Die Gesten sind einstudiert und die "Kleinen" machen es ihnen nach. Da kommt viel Arbeit auf uns zu. Der Unterschied zu Tegel liegt darin, daß unsere deutschen Jungs zu Beginn überhaupt keine Vorstellungen von einem theatralen Gestus hatten. Ich weiß nicht was besser ist. Wir müssen die Probenzeiten verlängern! Neben den Körperübungen müssen Sprechhaltungen entwickelt werden, die etwas mit ihnen zu tun haben und nicht der "romantischen Seele" ihrer Erzieherinnen entspringen. Es ist schon verständlich, dass diese, in dem Willen ihren Schützlingen (Publikum) eine Insel zu bauen, einige Auserwählte theatralen Zuckerguss absondern lassen, um artige Menschen zu zeigen, die artig ihre Rollen spielen. Theater funktioniert hier als Ritual, in dem vorgezeigt wird, dass alle, selbst der größte Ganove, lernen, fleissig sind und sogar in die Lage versetzt werden können, ein kulturelles Programm zu geniessen. Theater hat hier auf keinen Fall die Funktion, ernsthafte Konflikte aufzugreifen. Dafür sind diese wahrscheinlich zu heftig, um dann noch eine gemütliche Arbeitsatmosphäre während der Proben und nach dem anstrengenden Alltag (ca. 8 Uhr bis 14 Uhr Arbeit ; 15 Uhr bis 19 Uhr Schule) zu schaffen. Darum geht es den Lehrerinnen sicher auch.
 


 

Samstag, 14. Februar 2004:


 

Die letzten Tage war es sehr kalt. Nachts fiel das Thermometer bis auf -25 Grad. Für die Proben bedeutet das, die Jungs viel zu bewegen. Die Fenster sind mit Decken und Folien halbwegs dichtgemacht. In dem alten Schlafsaal, in welchem die Proben stattfinden, funktioniert die Heizung zwar noch, doch gibt es keine Tür. Im Schnitt haben wir bei den Proben 5 bis 8 Grad. Die Sensibilisierungsübungen/ Partnerübungen halten sich entsprechend in Grenzen. Auch Entspannungsübungen auf dem Boden können nur kurz gemacht werden. Die Jungs sind Kälte zwar gewöhnt, doch fordert der Körper bald sein Recht und wir zittern alle gemeinsam. Dann heißt es herumspringen und warm machen. Auch Einzelproben werden für die Zusehenden zur Tortur.
 


 

Montag, 16. Februar 2004:

Leider hat sich der Tuberkuloseverdacht bei Victor bestätigt. Er kommt jetzt in eine Kolonie für Tuberkulosekranke.
Es ist wärmer geworden. Wir haben uns einen Tag frei genommen und die Texte der Jungs, welche Sibylle und Wladimir während der Improvisationen übertragen haben, in das Stück integriert. Das Tempo der Szenen wird dadurch schneller. Haben uns entschieden, neue Texte in Form von Zwischenbildern einzubauen als Gegengewicht zum Tempo und der damit verbundenen Operettenhaftigkeit, welches uns die Jungs vorgeben. Somit können wir eine neue Ebene einführen. Während die Geschichte des Kampfes Lanzelots mit dem Drachen, die Machtergreifung des Bürgermeisters und dessen tragisches Ende in plakativen / komischen Bildern und Dialogen erzählt wird, können sich die neuen Texte zum Thema Krieg, Vertreibung und Asyl äußeren, ohne die Handlung zu verschleppen. In einer anderen Ebene werden wir mittels Dialogszenen zwischen dem Drachen und Lanzelot die mythologische Abhängigkeit des Einen vom Anderen thematisieren.
Das Programm ist voll !
 


 

Dienstag, 17. Februar 2004:


 

Und wieder scheint die nächste Kältewelle im Anmarsch zu sein.
Es wird Zeit, sich einmal dem unvermeidlichen Thema des Wetters zu widmen. "Russischer Winter" - ehrfurchtsvoll zollten wir ihm in Berlin schon Respekt, als wir in unsere Koffer alles an warmer (Thermo-) wäsche schaufelten, derer wir irgendwie habhaft werden konnten. Um so größer die Überraschung (um nicht gar von leichter Enttäuschung zu sprechen), als das Thermometer bei Ankunft in Moskau Ende Januar nur schlappe 5 Grad unter Null anzeigte. Aha, wieder eine Legende wiederlegt, wollten wir vorschnell meinen. Zwei Wochen liess man uns in diesem Glauben. Nicht, dass wir ins Schwitzen gekommen waeren. Überall meterdicker Schnee, häufiges Schneetreiben und hohe Luftfeuchtigkeit taten das ihre, uns immer wieder klamm werden zu lassen. Die russische Mentalität, nach der man sehr häufig und ausgiebig warten gelassen wird und warten muss, oft in zugigen Fluren oder vor für uns zwischenzeitlich verschlossenen Gefängnistoren, beförderte das Durchweichen besonders des Fußbereiches exponentiell. Trotzdem erinnerte das Wetter mehr an den Thüringer Wald in den Schulferien als an den Einfluss kontentinaler Luftströmungen in Zentralrussland. Das Wetter war dann auch (da hierfür nur simple Vokabelkenntnis unsrerseits vonnöten) hier und da gern Thema für Konversationen mit Einheimischen. "Wo kommen Sie her?" ... "Da, Da, is Berlina" ... "Wie ist denn das Wetter bei Ihnen in Deutschland?" ... "Ach, auch so wie hier? Na warten Sie mal, im Februar wird's richtig kalt" ... Auch unsere Mitspieler in der Kolonie erzählten von -30 Grad im letzten Winter. Dieses Jahr bleibts mild, der Klimakatastrophe seis gedankt, dachten wir und schwiegen. Und der Februar kam. Die ersten Tage schien alles unverändert. Dann wechselte das Wetter. Erst Schneetreiben wie wild über Nacht, dann früh blauer Himmel, Sonne, gleißender Schnee und unzählige durch die Luft schwebende winzige Eiskristalle, die im Sonnenlicht glitzerten. Der erste Schritt nach draußen, und alles war anders: Der bis dato halbe Meter Höhenunterschied zwischen Wohnblockeingangstür und Bürgersteig hatte sich auf weniger als 10 cm minimiert. Jetzt wußten wir, warum die Architekten diese Abstände einhielten: Damit winters die Türen nicht zuschneiten. Die Luft brannte auf der Haut. Selbst durch Thermohose und Thermounterhose spürten wir die Kälte in unsere Beine zwicken. Und der Schnee knirschte hart und trocken unter unseren Schritten wie gemahlenes Glas. So habe ich noch nie Schnee knirschen gehört.


 

Abends, als wir aus dem frisch gewischten Schulhaus (ca. 20 Grad plus), auf den überfrorenen Schulhof traten (-25), froren unsere Schuhsohlen kurz am Boden an. Die 10 Minuten Rückweg nach Haus dann waren unvergesslich: Die eisige Luft hinterließ auf unseren Gesichtern ein Gefühl wie von tausend Nadeln und die Feuchtigkeit gefror in unseren Nasen. Als wir am selben Abend unsere Küche durch die Fensterluke lüfteten, rauchte es herein wie Trockeneis im Theater ...  Die Kälte dauerte drei Tage.
Das war letzte Woche. Seitdem pegelte es sich so auf ca -10, -15 Grad ein. Da lässt man glatt mal die Handschuhe weg und ist dankbar.
Heute allerdings, nach der Probe, um 21 Uhr auf dem Weg nach Hause, knirschte der Schnee wieder ... 


 

Samstag, 21. Februar 2004:

Der sporadische Zugang zum Internet entwickelt sich langsam zu einem grundsätzlichen Problem. Die ganze Siedlung, in der wir leben und in der sich auch die Kolonie befindet, hat kaum Telefonanschlüsse. Selbst die Mitarbeiter der Anstalt sind zu Hause nur über Handys erreichbar. Die Anstalt selbst ist zwar in das lokale Moskauer Telefonnetz des Justizministeriums integriert, besitzt aber nur einen Anschluss, von dem aus man ins Ausland gelangt. Noch bevor wir anreisten, haben wir glücklicherweise einen Zugang zum Internet zur obersten Priorität und Arbeitsvoraussetzung erklärt. Der Anstaltsleiter ließ sich daraufhin eine Leitung zu seinem Rechner legen, der allerdings steht in seinem Chefzimmer und das bedeutet für uns leider trotzdem nur einen sehr beschränkten Zugang. Denn beim Empfang von ausländischen und ministerialen Delegationen sowie bei offiziellen Dienstbesprechungen unterstützen die deutschen Computernutzer, die sich im Chefsessel breit machen, nicht gerade die eigene Autorität. Verständlich, und so bleibt uns nur abzuwarten, bis der Chef den Laden verläßt, um dann fix die Zeit zu nutzen, bis seine Sekretärin Lena ebenfalls Feierabend macht; was sich letztlich immer mit unserer Probenzeit überschneidet und damit kaum zustande kommt. Letzte Woche beispielsweise ganze 2 mal. Das macht es uns schwierig, Termine für Korrespondenz oder Informationsweiterleitung einzuhalten, vom Rhythmus des sporadischen Erscheinens dieses Tagebuchs ganz zu schweigen. Wenn dann zu allem Unglück die Einträge aus welchem Grund auch immer mal nicht in Berlin ankommen, wie die letzten vom 14., 16. und 17.2., und wir 5 Tage brauchten, um das überhaupt zu bemerken und weitere 2, um sie erneut zu senden, dann entsteht leicht der Eindruck, dass das Tagebuchprojekt ein wenig einschläft. Mitnichten!!! Seid daher bitte nachsichtig und langmütig mit uns, in Russland brauchen die Dinge ihre Zeit, und zwar mehr, als man sich in Berlin vorstellen mag.
Übrigens hatten wir heute ein Gespräch mit unserem Anstaltsleiter, und er versicherte uns, wir können ab jetzt jeden Tag für eine halbe Stunde an seinen Rechner. Vielleicht ändert sich ja doch alles.
 


 

Dienstag, 24. Februar 2004:


 

Die Abteilungen Dramaturgie, Kostüm und Bühne begeben sich von Berlin aus zum Anflug zur 2. Etappe der Arbeit im Moskauer Jugendknast. Nach dem wir stolz und ohne Nachzahlung unser ganzes Übergepäck ins Flugzeug geschmuggelt haben, erleben wir auf dem Moskauer Flughafen die böse Überraschung. Wir alle 3 werden am Einreiseschalter aus der Schlange gezogen, und werden vor einem Extrazimmer aufgefordert zu warten. Bald wird uns recht deutlich klar gemacht, dass wir alle keine gültigen Visa haben und so nicht einreisen können, d.h. dass wir eigentlich in den nächsten Flieger gesetzt werden und wieder nach Berlin zurückfliegen sollen. Bald erkennen wir auch die Fehler auf unseren Visa, können aber nur klar machen, dass wir andere Visa beantragt hatten und die Fehler nicht erkennen konnten. Neben einigen Nigerianern stehen wir dann ziemlich hilflos im Transitbereich des Aeroports herum, können uns bloß per SMS mit der Außenwelt verständigen und wissen nie so genau wie es um unsere Einreise gerade so steht. Es setzt eine wilde Herumtelefoniererei zwischen Kulturministerium, Außenministerium, der deutschen Botschaft, dem Gefängnis, Hahn-Produktion und einigen anderen Stellen ein. Wir bekommen zu hören, dass jeden Tag einige Deutsche wegen unstimmiger Visa zurück in die Heimat geschickt werden und unser Herz rutscht uns nun immer weiter in die Hose. Dann soll ich in Begleitung den Fahrer suchen, der uns abholen kommen sollte, kann aber weder Fahrer noch Auto finden. Die Verzweiflung wächst. Nach ca. 6 Stunden Warterei trifft dann endlich ein lang ersehntes Fax vom Außenministerium ein, mit dem ein käufliches Erwerben eines Visas nun möglich wird. Für 150 $ können nun Elke und Christine mit neuem Visa ausgestattet das Land betreten. Leider standen nur die beiden Namen auf dem Fax, daher muss ich noch dableiben und beginne mich nun endgültig seelisch und moralisch auf den Rückflug vorzubereiten. Eine kleine gesetzeswidrige Tat einer hier nicht weiter zu benennenden Person ebnet dann aber eine weitere Stunde später auch für mich den Weg ins Land. Die Bearbeitungsgebühr ist dann wegen der späten Stunde noch mal um 100 $ gestiegen, dennoch fällt uns allen nun ein Stein vom Herzen. Gegen 23 Uhr trifft dann auch noch ein Fahrer für uns ein, der uns dann mit einem typisch russischen Auto, wo das Gaspedal nur in der Vollgasposition funktioniert, die nächsten 180 km nach Ikscha transportiert. Mit einer Portion Pelmeni werden wir nun wieder voll ins russische Leben integriert. Die positive Überraschung des Tages ist, dass wir heute eine dritte Wohnung bekommen haben und sich nun unsere Wohnverhältnisse etwas entspannter gestalten.
 
 


 

Die Etappe saß auf dem Fluhafen fest. Vladimir, unser Dolmetscher, telefonierte mit Sibylle alle möglichen Ministerialebenen durch um unsere Leute frei zu bekommen. Für mich war das die erste Probe ohne Dolmetscher.
Viel zeigen, vorspielen und auf bekannte Übungen zurückgreifen. Ich war erstaunt, mit welcher Fairness die Jungs diese Situation aufnahmen. Die Älteren und Ranghöheren übernahmen die Erläuterungen der Übungen. Zum einen können sie ein paar Brocken englisch, zum anderen sind die Älteren einfach aufmerksamer und merken sich Übungen besser. Zwischen mir und ihnen besteht eine Art Bündnis: Die Probe muß laufen, egal was passiert! Wir suchen demnach öfter den Augenkontakt und ich frage sie nach russischen Wörtern, indem ich den Begriff gestikulierend umschreibe bzw. auf Körperteile zeige, deren Namen ich nicht weiß. Es ging sogar soweit, dass sie aktive Hilfestellungen den Jüngeren gaben. Ein seltener Umstand, da man sich nicht mit Rangniedrigeren abgibt, geschweige denn berührt. Ein Gesetz, was sonst nur auf ausdrücklichen Wunsch meinerseits in den Körperimprovisationen und Spielszenen aufgehoben wird, aber keinesfalls Normalität besitzt.
 


 

Mittwoch, 25. Februar 2004:


 

Am Morgen finden wir uns zur strategischen Lagebesprechung zusammen, alle Probleme und offenen Punkte werden zusammengetragen und diskutiert, ein aktueller Arbeitsplan aufgestellt. Die aktuelle Stückfassung, über die es auch noch unterschiedliche Ansichten gibt, deren Findungsprozess aber nun in die Endphase geht, wird ebenfalls heftig diskutiert. Georg, unser Mitarbeiter vom Moskauer "Teatr.doc" trifft auch ein, und wir begeben uns zur Probe um auf den aktuellen Stand zu kommen. Es gibt einen ersten Probedurchlauf der bisher gearbeiteten Szenen und Bilder, leider ohne einen der wichtigen Protagonisten, den Bürgermeister. Der wird kurzerhand von einem anderen eingespielt. Es sind schon spannungsvolle Haltungen vorhanden, aber ab und zu bricht alles unter dem Gekicher der Mitspieler zusammen. Es gibt einige sehr streng gebaute Bilder und andere, die von der Spontanität, Agilität und Spritzigkeit der Akteure leben. Einige starke Persönlichkeiten stechen heraus, aber bei allen ist die Potenz für eine Bühnenpräsenz inzwischen zu sehen. In den letzten Wochen hat sich eine interessante Gruppe herauskristallisiert. Man merkt auch, dass das Aussprechen und Öffentlichmachen von manchen Sätzen oder Situationen für die Jungs etwas besonderes ist und wirklich etwas mit ihnen zu tun hat. Wir wissen jetzt also alle, wie viel noch zu tun ist in den nächsten vier Wochen.
Es folgt noch ein Gespräch mit der Anstaltsleitung, bei dem sich wieder einmal zeigt, dass über verschiedene Punkte, wie Endprobenphase im Originalspielraum, Premierentermine und Premierenpublikum und einige andere Fragen völlig konträre Sichten bestehen. Die Punkte werden noch mal an höhere Ebenen weitergeleitet.
Nach dem Abendessen folgt eine sich lang in die Nacht ziehende Diskussion über einen möglichen Stücktitel, die zwar mit Favoriten, aber ohne konkretes Ergebnis endet.
 


 

Donnerstag, 26. Februar 2004:


 

Der Tag ist probenfrei und wird bestimmt durch die Arbeit an der Textfassung, Sortieren von Übersetzungen, Formulierungen. Eine Pressemitteilung wird geschrieben, die Arbeit für das Programmheft aufgenommen. Materialien für Kostüme werden in Moskau besorgt. Es ist noch mal Zeit für´s Internet und um mails zu beantworten.
Peter schreibt an seinen Memoiren, Wladimir ist schlecht, Elke führt Kapuzen vor, ich mache einen neuen Bühnenbildentwurf aufgrund der gestrigen Probe. Dann kocht Christine aufgrund einer Empfehlung der Schuldirektorin Paprikaschoten aus dem staatlichen Magasin - dann sind alle wieder glücklich.
Die Heizung in den leerstehenden Etagen des Atriades ist geplatzt. In den Räumen unter uns läuft das Wasser von den Wänden. Die Tapeten, Streifen, Blumen glänzen, alte Bleche, Bänke, Bettgestelle in kleinen Seen. In einigen Räumen löst sich die Tapete und alte Zeitungen kommen zum Vorschein. Wasserdampf zieht durch die unbewohnten Etagen. Aufgerissener Dielenboden, eine Perserkatze taucht lautlos in einen schmalen Spalt.
Im einem Türrahmen ein braune Decke. Dahinter ein leerer Raum, einige Matrazen, blaue Sockelfarbe, drauf Schlieren rostigen Wassers. Schwemmland. Auf einem Fensterbrett steht eine Ikone. Glatte Gesichter, stolz. Eine Warnung, beim zweiten Blick die Möglichkeit eines Gebetes. Durch die abgeklebten Fenster fällt etwas Tageslicht. Knien im Heizungswasser? Was wenn sie jetzt die Heizung abstellen? Ich schiebe die Frage beiseite. In der Stille vor der Probe, das Zischen der Heizung, tropfen.  


 

Freitag, 27. Februar 2004:


 

Unser Dolmetscher fährt mit Elke ins Frauengefängnis nach Moschaisk, um dort die Arbeit an den Kostümen voranzutreiben. Daher müssen wir eine Probe ohne Übersetzer durchstehen. Das funktioniert aber schon ziemlich gut. Die grundlegenden Übungen kennen und können die meisten ganz gut und bei der szenischen Arbeit sind alle konzentriert, weil sie alle plötzlich in der Verantwortung sind, zu verstehen. Wenn der Sinn dann verstanden ist, übersetzen die Jungs untereinander füreinander. So können die meisten Sachen geklärt werden. Und wenn dann Peter auch von uns nicht mehr verstanden wird, schmeißt er uns von der Bühne und macht es eben selber vor - und alle wissen Bescheid (alle wissen wo der Hammer hängt).
 


 

Dienstag, 02. März 2004:

Gestern hat unser Dolmetscher, Vladimir den "Marschbefehl" nach Berlin bekommen. Seit über einer Woche ging es ihm schon gesundheitlich nicht gut. Wir glauben, daß er nur in Berlin Hilfe bekommen kann. Ein befreundeter Regiesseur, Georg Genoux, der seit mehreren Jahren in Moskau arbeitet, wird uns jetzt erstmal aushelfen, bis wir wissen wie es weiter geht.
Durch das Tauwetter ist jetzt überall Wasser im Probenraum. Das Dach ein schweizer Käse. Aber es ist wärmer und das ist schon viel wert. Durch den Ausfall des Dolmetschers sind wir auf den vergangenen Proben mehr auf unsere eigenen Fähigkeiten, uns verständlich zu machen, angewiesen. Das Ergebnis ist eine kreative Mischung aus Gestik, Mimik und russischer Sprache. Für die Probendynamik kein Nachteil, denn jeder der Jungs muss sich konzentrieren und anstrengen, um uns zu verstehen, und wenn dann das Bild so wird, wie wir uns das wünschten, so ist das ein Erfolgserlebnis für alle Beteiligte.
Trotzdem können wir die großen Zusammenhänge so nicht ausdrücken und sind auf der Suche nach einer Aushilfe.
 
Das 3sat Team ist auch anwesend und filmt die Probe. Die Aufnahmeleiterin springt als Dolmetscherin ein und so läuft eine zügige Probe. Wir kommen ganz gut voran. Dann springt Georg als Übersetzer ein, und entwickelt auch gleich einen guten Draht zu den Kids.
An die Textübersetzerin gehen noch einige Texte raus, die noch nicht auf russisch vorhanden sind.
Am Morgen haben wir noch einen Termin im Moskauer Künstlerpalast, weil wir noch auf der Suche nach einem öffentlichen Ort für eine geplante Videoinstallation sind. Wir haben ein Vorgespräch, stellen unser Projekt vor und besichtigen mögliche Räume. Die Entscheidung des Direktors, ob sowas ins Konzept passen könnte, steht allerdings noch aus.
Die Arbeit an Video-Interviews für die Videoinstallation mit den Portraits, Gesichtern und Geschichten beginnt. Unsere zwei Stanisläuse, Lanzelotdarsteller Nikolin und unser bulgarisches Mannschaftsmitglied Kimi... erzählen Geschichten aus ihrer Kindheit, Elternhaus, Gefängnisleben, Tagesablauf, Träume und Zukunftsvorstellungen.
 


 

Mittwoch, 03. März 2004:

10.00 Uhr Besprechung der aktuellen Stückfassung. Es ergeben sich noch einige Änderungen, neue Einschübe werden besprochen.
Ein neuer Termin für die Besichtigung des Klubraumes wird für morgen vereinbahrt. Ich gehe zum Telefonieren nochmal in die Anstalt. Dabei erblicke ich als erstes 10 Knackies die einen riesigen Panzerschrank durch die Gegend tragen. Ein schön absurdes Bild, erst als ich um die nächste Ecke schaue, sehe ich, daß mindestens genausoviele Bewacher danebenstehen. Die anstehenden Telefonate bringen uns nicht recht voran. Der General, der alle anstehenden Probleme klären könnte, weilt noch bis zum 9. März in London. Sein Stellvertreter lehnt es ab, zu allen offenen Punkten Stellung zu beziehen. Wir hängen also schön in der Luft, wissen weder genau wo wir jetzt spielen werden und ob unsere Vorstellungen bezüglich Premierentermin irgendwie genehm sind.
15.00 Uhr Probe - kurz nach Probenbeginn wird ein großer Teil der Leute in die Schule geholt. Sie sollen fotografiert werden, und noch irgendetwas anderes, keiner versteht es, keiner weiß so richtig Bescheid.
Bei der Erwärmung konzentrieren wir uns auf Haltung und Körperspannung und Lautsprechen. Außerdem arbeiten wir heute daran, das deutsche Lied "Der Hahn ist tot" einzustudieren. Das geht besser als erwartet. Die Chöre trainieren ihre Texte (natürlich nur unter Aufsicht), dann wird an der Abschlußszene gearbeitet. Unser Bürgermeister-Darsteller kommt erst gegen 17.30 Uhr zur Probe. Er hat so viele Dinge zu tun. Wir beginnen schon über alternative Darsteller nachzudenken.
Vom Moskauer Künstlerpalast kommt eine Ablehnung, unsere Videoinstallation passt nicht ins Profil des Hauses. Es läuft in der Zeit gerade eine Kunstgewerbs-Verkaufs-Austellung.
 


 

Donnerstag, 04. März 2004:

10.00 Uhr ist Besichtigung unseres geplanten Spielortes, des Klubhauses. Wir testen den Videobeamer, die Leinwand des Klubs und machen noch eine Bühnenbesprechung vor Ort. Alle wollen jetzt einen ganz großen Ofen - der russische Monumentalkunst-Gedanke hat sich bei allen festgefressen.
Bei einer kurzen Besprechung in den Werkstätten kann ich mich wieder einmal von der russischen Arbeitsproduktivität überzeugen. Sechs Leute stehen herum und einer arbeitet.
Nachmittags finden Einzelproben mit den Drachen und Lanzelot statt. Der Kampf und die letzte Szene werden angelegt. An den artistischen Einlagen haben alle ziemlichen Spaß. Demgegenüber steht eine große Klarheit im Endbild.
Peter hat ein Bein von einem Schwein gekauft - deshalb muß er am Abend auf vier Flammen kochen. Es gibt eine lange Diskussion darüber, ob der russische Kohl besser schmeckt als der deutsche, und wieviel besser und warum ...
 


 

Freitag, 05. März 2004:

Das Fernsehteam von 3sat ist wieder vor Ort und mit allerlei Filmaufnahmen beschäftigt. Gestern waren sie mit unserer Kostümbildnerin Elke in Moschaisk und filmten dort die Entstehung der Kostüme, die grossen Werkhallen mit Näherinnen und den Alltag im Frauengefängnis.
Heute waren sie auf der Suche nach einem idyllischen Motiv mit der Anstalt im Hintergrund und fanden eine alte halbzerfallene Holzbaracke außerhalb des Anstaltsgeländes. Kaum daß sie zwei Minuten hiervon im Kasten hatten, wurden die Dreharbeiten durch einen heranstürmenden Uniformierten jäh unterbrochen. Das gefilmte Objekt stellte sich als ein hochgeheimes militärisches Objekt mit Sondergefahrstatus heraus. Von diesem Objekt hinge die Sicherheit Russlands ab. Das folgende Prozedere zog sich über drei Stunden hin. Der stotternde Kameramann soll unter höchstem Stress die Sachlage erklären und sein Videoband retten. Der Anstaltsleiter der Kolonie wird hinzuzitiert und brüllt, am ganzen Leibe zitternd, auf den Regisseur ein. Er unterbindet jegliche Dreharbeiten mit sofortiger Wirkung. Das Team ist völlig fertig und macht zum Abschluss etwas lustlos noch ein kleines Interview in unserer Wohnung, ohne zu wissen, ob die Fertigstellung des Filmes möglich sein wird.
Das Proben war heute schon wieder schwierig, weil erste Vorfeiern zum Frauentag angesagt sind und in der Anstalt mehrere offizielle Veranstaltungen zur Würdigung der Verdienste der weiblichen Bevölkerung stattfinden. Unter anderem machen die Jugendlichen auch ein Feiertagsprogramm, in welchem Gennadi und Stass 1 (Spitzname: "Faschist") sich als Omas verkleidet haben und Sketche spielen. Zum Abschluss spielt die Anstaltscombo wieder ihr Programm in dem von den Ausdünstungen von ca. 120 Knackies aufgeheizten Aktionsaal in der Schule unter lautem Mitsingen und Juchzen der Lehrerinnen.
 


 

Samstag, 06. März 2004:

Im Klubhaus vor der Anstalt müssen wir uns um 12 Uhr mittags das Kinderprogramm zum Frauentag anschauen. Die Kinder kämpfen mit den Widrigkeiten der Technik, die ständig ausfällt. Sie stehen tapfer auf der Bühne und schauen minutenlang starr ins Publikum. Wir ahnen plötzlich, wie viel bei unserer Inszenierung hier schief gehen kann. Einzelproben mit Bürgermeister, Drachen, Lanzelot und Schreiber. Interviews.
 


 

Sonntag, 07. März 2004:

Marktag in Dimitrov. Hier lassen sich die Spezialitäten der russischen Küche auftreiben. Lachs, Kalbsfleisch, Schaschlik, eingelegte Gurken und Krautsalate, frische Fische ...
 


 

Montag, 08. März 2004:

Strahlender Sonnenschein, Montag. Seit zwei Tagen wird im Dorf Frauentag gefeiert. Vorm Dorfkonsum rufen uns Jugendliche nach: "Die Deutschen sind ja immer noch da ......", den Rest verstehe ich nicht. Auch gut. Die Wodkaflaschen wandern schon mittags über den Ladentisch. Es sind vor allem die Männer die die Gelegenheit nutzen, allerdings nicht ohne den Frauen, denen sie im Dorf begegnen "Prasdnikom" zu wünschen und Bonbons in die Hand zu drücken. Da gibt es auch schon mal ein Küsschen. Für uns eine Neuheit, da Frauen hier normalerweise nicht mal die Hand gegeben wird. Eine Form der Ehrerweisung, wie uns versichert wurde. Die Mädels standen allerdings des öfteren ziemlich dumm daneben, gerade wenn wir von Offiziellen begrüßt wurden oder zum Essen eingeladen waren. Man kennt das, die Hand fährt schon aus, doch das Gegenüber wendet sich schnell ab. Irritation auf beiden Seiten. Inzwischen nehmen es die Mädels gelassen und holen die Hände einfach nicht mehr aus den Hosentaschen.
Vorgestern gab es im Klub vor der Anstalt eine Frauentagsfeier vom Dorf, mit Programm. Am Schluß fiel die Technik aus und die Schuldirektorin des Dorfes, skandierte Kakalin, kakalin, kakalin kamaja... Der Saal stimmte brummend mit ein und die Mädchen auf der Bühne tanzten brav ihre Nummer, ein Volkstanz. Hinterher hat uns Galina aus dem Stabsgebäude für 18 Uhr zum Tanzen eingeladen. Doch davor war ja noch die Probe und es gab noch eine Feier in der "Zone" (so heissen die Lager im Volksmund), mit eigener Band, knarrenden Boxen und kleinen Sketchen.
Danach waren wir so gerädert, dass uns das Tanzen vergangen war. Schnell schlichen wir am Dorfclub vorbei. Drinnen saßen bei Neonlicht die Beamten mit ihren Familien an Clubtischen. Einer dieser Momente, wo Kommunikation in einer frenden Sprache nicht mehr möglich ist. Daß wir auch heute am Feiertag proben, wurde mit dem Spruch "Die Deutschen arbeiten ja die ganze Zeit", eher konsterniert aufgenommen. Was soll's, die Premiere ist auf den 24. März vorverlegt und das heißt ranklotzen.
Eine freundschaftliche Beziehung hat sich inzwischen mit der Familie eines der stellvertretenden Lagerleiter entwickelt, der Familie Nominat. Die sind aus Kasachstan geflohen, als die ehemalige Teilrepublik souverän wurde. Kasachisch wurde als Amtssprache eingeführt. Viele Russen verloren ihre Jobs und es kam zu Übergriffen gegenüber der russischen Minderheit. Sie verkauften ihr Haus und als der Transport des Hausstandes zu teuer wurde, auch noch jenen. So standen sie als vierköpfige Familie hier Mitte der Neunziger mit einem Koffer vor dem Neuanfang. Inzwischen haben alle in der Anstalt Arbeit gefunden und sich in einem leerstehenden Teil des hiesigen Kindergartens eine Wohnung ausgebaut. Natascha ist seit kurzem zur Schuldirektorin der Anstalt avanciert und macht das mit bewundernswertem Engagement. Was sie jedoch vermissen, ist die kasachische Lebensart, die Offenheit der Menschen, deren Gastfreundschaft.
 
Alle feiern den Frauentag wie wild. Wir und einige russische Gefängniswärter sind die einzigen, die weit und breit in Russland arbeiten. Es ist herrlicher Sonnenschein und es taut. In der Kolonie spielen die Jungs Fussball und Volleyball und hängen herum.
Mit unseren großen Rollen machen wir Einzelproben, alle anderen sind froh, daß sie sich ein bißchen erholen können.
 


 

Dienstag, 09. März 2004:

Wir versuchen Klarheit über den weiteren Verlauf unserer Arbeit zu bekommen und wenden uns direkt ans Ministerium: General Boltkov. General Boltkov delegiert aber alle Probleme weiter nach unten an Oberst Polosijuk. Daß der nichts wirklich verantworten will, wissen wir schon. Der will unserem Anstaltsleiter Pavel jetzt die Verantwortung zuschieben. Keiner will etwas verantworten. Wir müssen uns wohl auf ein zähes Ringen um jeden Punkt einstellen. Immerhin schaffen wir es wenigstens, den offiziellen Premierentermin klarzustellen. Die öffentlichen Vorstellungen werden jetzt definitiv auf den 24. März um 17 Uhr und den 28. März um 12 Uhr festgelegt.
 
Wir verlassen gegen 21 Uhr das Anstaltsgelände in Begleitung der Schuldirektorin, Natascha.
Nach der Schleuse geht es linker Hand den langen Weg an der ca. 6 m hohen Betonmauer entlang. Rechts davon der Sportplatz für gelegentliche Fußballspiele mit der Dorfjugend. Dahinter die Reste des ehemaligen Klosters in dem jetzt die "Seks" hausen. Das sind auf Bewährung entlassene "Sekljutschonniks" was soviel heißt wie Gefangener bzw. Weggeschlossener. Diese werden während ihrer Bewährungszeit als Fahrer oder zu Arbeiten in und um der Anstalt herangezogen. Nach dem äußeren Tor, bestehend aus hohen Säulen, anmutend wie der Eingang zu einem alten Park, befindet sich eine Bushaltestelle. Davor die "Überlebenden" des 8. März, dahinter ein Denkmal. Ein Soldat mit Fahne. Die "Überlebenden" sturzbesoffen. "Ah, die Deutschen" Es folgen Anzüglichkeiten, die ich nicht verstehe. Dann höre ich "Fritz komm kämpf mit mir". Ein untersetzter kräftiger Mann um die 40 zappelt vor dem Bushäuschen herum und winkt. Ich schätze meine Chance ein und komme zu dem Ergebnis, daß sie gering ist. Jetzt schaltet sich Natascha ein. Sie geht auf die Männer zu und beginnt, sie mit ihrer hohen Stimme zu attackieren. Ich verstehe kaum etwas. Nach der ersten Schrecksekunde faßt sich der Untersetzte und beginnt nun sie zu beschimpfen. "Sie hätte lieber in Kasachstan bleiben sollen." Dann wieder in unsere Richtung: "Mörder, Faschistenschweine". Ich bin froh, daß Natascha ihn beschäftigt. Doch jetzt löst sich ein Anderer schemenhaft aus der Gruppe im Bushäuschen. Er ist jünger ca. einsneunzig und trägt Sportkleidung. O-beinig wankt er heran. Ich verfluche mich ob der Idee, die Proben bis 21 Uhr zu schieben. Doch er beginnt, sich langwierig zu entschuldigen, nicht ohne die Gelegenheit ungenutzt zu lassen unsere Dramaturgin Christine zu umarmen. Die Arme! Währenddessen fetzen sich Natascha und der Untersetzte weiter. Wir beschließen, uns zu verziehen, um Natascha dazu zu bringen, uns zu folgen. Doch sie hat sich festgebissen, wettert und wettert. Der Untersetzte versucht jetzt zu argumentieren, beginnt von historischer Schuld zu reden. Doch keine Chance, Natascha hat ihn bei den Eiern. Leider kann ich dem Gespräch kaum folgen, einfach zu schnell. Mit hängenden Köpfen stehen wir daneben und warten geduldig auf das Ende ihrer Angriffe. Auch ihr Gegenüber gibt schließlich auf läßt ihr das letzte Wort. Keine Frage, Natascha hat Übung in diesen Dingen. Es sind Männer aus dem Dorf. Ihr letzter Kommentar: "Ne, das sind keine Menschen!"
 


 

Mittwoch, 10. März 2004:

Zu dritt, Elke, Peter und Holger, machen wir uns mit dem Bus um 7.20 Uhr, der schon knackend voll ist, auf den Weg ins Frauengefaengnis nach Moschaijsk.
Am Sawjolowskij Woksal sammeln wir noch Georg, unseren Übersetzer auf und nehmen die Elektritschka Richtung Westen. Gegen 13 Uhr kommen wir auch wohlbehalten dort an. Inzwischen ist alles richtig matschig und grau, das macht den Empfang in der ärmlich wirkenden Stadt nicht gerade freundlicher. Ein rostiges Taxi bringt uns für 60 Rubel zum Gefängnis. Da wir diesmal alle Genehmigungen haben, werden wir hier freundlich in Empfang genommen. Schnell werden wir in den Klub in der Anstalt gebracht, wo auch bald 6 Insassinnen, die Interesse und Talent haben, zugeführt werden. Wir wollen noch ein paar mehr, und bald sind es neun. Wir werden mit ihnen einige Videoaufnahmen machen, die dann im Stück verwendet werden sollen.
Schnell beginnen wir mit dem Lesen des Textes, machen einige chorische Proben. Sie sind schwer enttäuscht, daß sie nicht singen, tanzen und hüpfen, sondern nur einfach und direkt den Text sprechen sollen. Sie wollen etwas mehr Pathos in die Sache bringen. Georg ist ebenfalls schwer enttäuscht darüber, daß wir nicht in der Frauenanstalt arbeiten.
Wir verabschieden uns mit der Maßgabe, daß die Frauen den Text bis morgen lernen sollen.
Dann fahren wir zum "Dom Otdich", dem Erholungsheim der Armee, in welchem wir einquartiert sind. Große, saubere Zimmer erwarten uns, die Landschaft ist auch sehr schön. Wir spazieren zur Moskva, die sich uns hier aber als ein kleines Flüßchen präsentiert. Nach dem Abendessen müssen wir gleich noch einmal in die Bar essen gehen, weil uns das Kriegsveteranen-Abendmahl dann doch nicht ausreicht. Abends werten wir dann die Probe-Aufnahmen noch aus und sinken dann schnell in einen erholsamen Schlaf.
 


 

Donnerstag, 11. März 2004:

Gegen zehn rücken wir in die Frauen-Kolonie ein und wollen hochmotiviert in die Dreharbeiten im Klubraum gehen. Aber dort findet gerade der Wettbewerb um den besten Tanzbeitrag der unterschiedlichen Wohntrakte statt. Da wird uns noch mal gezeigt, was russische Mädels unter Kultur verstehen. Bei Georg steigt das Bedauern, daß wir am falschen Ort arbeiten.
Nach ca. einer Stunde ist der Wettbewerb entschieden, der 5. und der 7. Zug müssen sich den ersten Platz teilen (ich war für den 9., war aber nicht stimmberechtigt). Dann stellt sich heraus, daß dann auch noch Tischtennisplatten aufgebaut werden müssen, weil da auch noch Turniere ausgetragen werden müssen. Die Vielzahl der Aktivitäten macht uns zwar etwas unruhig, aber wir begeben uns kompromissbereit auf die Suche nach einem anderen Raum. Nachdem wir ein Konferenzzimmer und das Zimmer der Psychologin gesehen haben, beschliessen wir die Dreharbeiten in einem Freizeitzimmer im 8. Zug zu machen, ganz in rosa. Das Auswendiglernen des Textes wurde etwas uminterpretiert. Eine großgeschriebene Textfassung wird hinter der Kamera aufgehängt und alle fühlen sich sicher, bis auf eine, die wohl so kurzsichtig ist, daß sie nichts erkennt. Dennoch gehen die Dreharbeiten zügig vonstatten, alles funktioniert ganz gut so. Wir müssen uns auch beeilen, denn ob heute die Frauen noch mal einige Zeit von der Arbeit freigestellt werden können, ist unklar.
Wir sind dann auch vor dem Mittagessen fertig, trinken mit Dina, der Verantwortlichen noch Tee und plaudern etwas. Am Bahnhof fährt uns dann eine Elektritschka, die heute eine halbe Stunde früher fährt als sonst, vor der Nase weg. Die nächste fährt heute eine halbe Stunde später als sonst, wie uns ein kleiner handgeschriebener Zettel, der an das Tickethäuschen geklebt ist, mitteilt. So stehen wieder über zwei Stunden Wartezeit an. Zwischendurch fährt dann aber plötzlich noch ein Bus, der uns recht bequem nach Moskau bringt. Einige Minuten vor der Endstation Belorusskij Woksal stecken wir dann im Stau, und der Busfahrer rät uns auszusteigen, da wir zu Fuß schneller sein würden. Wir folgen seiner Empfehlung, was sich als sehr vorteilhaft erweist, den wir kommen an einem Wein-Supermarkt vorbei, in dem wir uns mit ordentlichem Wein und solchen Spezialitäten wie Pfeffer-Wodka versorgen können. Die Verbindung weiter nach Nowogrischino klappt dann auch weiter erstaunlich reibungslos. So sind wir noch vor Christine, die sich mit Chor- und Textproben in der Kolonie herumplagt, am heimischen Herd angelangt, wo Sibylle sogar schon Kartoffeln aufgesetzt hat.
 


 

Freitag, 12. März 2004:

Dem Bericht der Moschaijsk-Reisenden zufolge scheinen wir Daheimgebliebenen in der Zwischenzeit anstrengendere Proben gehabt zu haben. Die Gunst der Stunde nutzend, wurden alle Mitspieler in den vergangenen 2 Tagen zu ausführlichen Text- und Einzelproben bestellt.
Denn die Textbücher, die seit Montag für jeden vorliegen, müssen nach jeder Probe von uns eingesammelt und zur nächsten Probe wieder mitgebracht werden. Ein Ratschlag, den die Jungs uns gaben, denn sie können nicht garantieren, daß sie ihre Textbücher aus den Otriaden auch wohlbehalten wiedermitbringen. Wahrscheinlich kommen sie aber ohnehin nur selten zum Lernen ausserhalb der Proben. Für den Notfall haben sie die Taschen voller klein zusammengefalteter Zettel, Textblätter, die wir in der Vergangenheit lose reingaben und die zum Teil auch, als Toilettenpapier zweckentfremdet, im Abort gesehen worden sein sollen.
Trotzdem ist das Textlernen auf der Probe die sicherste aller Methoden und muß sich sonst der Priorität der konkreten Inszenierungsarbeit unterordnen.
Ohne Dolmetscher, nur mit Wörterbüchern bewaffnet, machen wir uns an die Arbeit. Christine arbeitet mit Kleingruppen von 3 oder 4, die gemeinsam chorisch Einzeltexte sprechen werden, ich beaufsichtigte das Textlernen der Protagonisten, die den Großteil der Dialoge wegschleppen müssen. Als wir im Probenraum eintreffen, ist der Großteil schon da, auch diejenigen, die erst für eine oder gar zwei Stunden später bestellt sind. Der Grund ist simpel, für die Probenzeit sind sie von der Schule befreit, wenn die Probe ausfällt, müssen sie hin. So drücken sie sich dann lieber den ganzen Nachmittag in unsrer Nähe herum. Da wir sie nur mucksmäuschenstill dulden, hocken sie an den Heizrohren und blättern freiwillig in ihrem Textbuch. Positiver Nebeneffekt.
Als großes Problem stellen sich bei einigen erhebliche Lese- und Konzentrationsschwächen heraus. Einer der Jungen weigerte sich partout, seinen Text laut vor den anderen vorzulesen, weil er kaum lesen konnte. Trotzdem wollte er unbedingt der Chorführer sein. Es spielt eine große Rolle, welchen Status der einzelne in der Knasthierarchie hat. Es macht keinen Sinn, jemanden, der zwar gut liest, aber in der Hierarchie ganz unten steht, als Chorführer zu wählen, denn die anderen können sich ihm nicht unterordnen. Diese Ebenen zu nivellieren, ist uns in der kurzen Zeit unserer Arbeit nicht möglich, wenngleich wir sie immerhin schon etwas verwischten. Es gibt jetzt wenigstens so etwas wie eine gewisse Akzeptanz der einzelnen untereinander während der Probe, die sicher mit der gemeinsamen Arbeit in einem Zusammenhang steht.
Für unsere ersten Proben ohne Dolmetscher und Regisseur schlagen wir uns dann schlußendlich tapfer, kehren mit fusselig geredetem Mund (vom Russischsprechen, wohlgemerkt) und etlichen neugelernten Vokabeln in unsere Küche zurück und genehmigen uns auf den erfolgreichen Tag erst einmal ein Gläschen armenischen Kognak (Ararat, für die Kenner unter unseren Lesern), während sich ca. 250 km Luftlinie südwestlich von uns unsere Kollegen im "Dom Otdich" (Haus der Erholung) erholten, in weichen Betten und Badewannen, wie wir 24 h später erfahren sollten ...
 


 

Samstag, 13. März 2004:

Erste Bühnenbildteile sind in der Anstalt fertiggebaut. Das städtische Müllfahrzeug transportiert uns die Teile zum Klubhaus. Dieses liegt zwar offiziell auf dem Anstaltsgelände, aber außerhalb der Umzäunung, knapp 50 m vom Tor entfernt und damit "draußen". Hier wird die Aufführung stattfinden und natürlich auch der letzte Probenblock.
Wieviele Proben wir letztendlich dort durchführen können, will nach wie vor keiner entscheiden, da dazu die Jungs die Anstalt verlassen müssen und Bewachung nötig ist. Dies ist mometan der neuralgische Punkt der gesamten Produktion, denn die Vorstellungskraft auf den Proben in unserem bescheidenen Probenraum ist erschöpft. Die Bilder müssen in Originalmaßen und Sichtachsen überprüft und endgültig festgelegt werden. Die Anstalt aber will kein Risiko eingehen und versucht, die Zahl der Ausführungen soweit wie möglich zu drücken. Seit mehr als zwei Wochen versuchen wir schon, dieses Problem zu lösen, schalteten den Produzenten ein, wandten uns an die höchste ministeriale Ebene, die involviert ist. Klassische Bürokratie: Jeder, den man anruft, verweist auf einen anderen Verantwortlichen. So soll das dann Wochen dauern und das Problem ist buchstäblich ausgesessen. Wir vermuten, daß niemand den Schwarzen Peter so recht haben will und deshalb die Verantwortung immer wieder von sich wegschiebt. Denn wenn was passiert, rollen Koepfe, soviel steht fest, das wurde uns mehr als einmal zwischen den Zeilen suggeriert.
Für heute nun bittet uns unser Anstaltsleiter zum Gespräch, mit Dolmetscher. Wir hoffen auf Klärung und bereiten uns mit einem dezidierten Zeitplan über gewünschte Endproben, Aufführungen, Auf- und Abbauerei sowie Tourneeplanungen auf das Treffen vor.
Mit dem Anstaltsleiter sprechen wir diese anstehenden Punkte einen nach dem anderen durch, wobei das Ziel des Procederes recht bald klar wird, nämlich einen Plan zur Durchführung einer "kulturellen Maßnahme" aufzustellen, um das gesamte Vorhaben offiziell in die bürokratischen Wege leiten zu können. Den Inhalt unseres Gesprächs protokolliert der Anstaltspsychologe, der ihn dann in mühevoller Kleinarbeit in seinen Computer hämmern muß. Ob damit die Fülle der anstehenden Aufgaben erkannt ist, ist uns noch nicht richtig klar. Ebenfalls wurden unsere Probenwünsche im Klub zwar registriert, doch noch nicht genehmigt, dies wurde uns für Montag in Aussicht gestellt. Wir bleiben dran.
Es scheint übrigens möglich, daß wir in dem größten russischen Kulturfernsehsender eine Art Werbung für unsere Aufführungen machen dürfen, und daß dadurch auf uns aufmerksam gewordenen Besuchern die Türen des Klubs offen stehen werden. Wie das dann aussieht, bleibt ebenfalls abzuwarten, denn bisher wurde von strengen Gästelisten gesprochen, die vorher abgegeben und intensivster Überprüfung unterzogen werden müssen.
 


 

Montag, 15. März 2004:


 

Es ist nach wie vor nicht klar, wann wir in den Klub zum proben dürfen. Langsam wird es absolut eng. Antworten bekommt man so gut wie keine mehr. Ich möchte eigentlich auch endlich das Material für das Bühnenbild kaufen, aber es ist kein Auto zu bekommen. Alle sind irgendwie besetzt. Das ganze Wächterpersonal rückt dann mit einem dieser Autos zu Schießübungen aus.
Nebenbei kann ich mal beobachten, wie zwei neue Gefangene eingeliefert werden. Sie hocken ca. 20 Minuten mit dem Gesicht zur Wand und über dem Kopf verschränkten Armen auf dem Hof, während sich das Personal ganz köstlich amüsiert und routiniert gelangweilt die Formalitäten bearbeitet.
Das erste mal wird der geplante Stückschluss geprobt. Da kommt gute Stimmung auf.
Ich versuche dem Technikverleiher noch eine Technikliste auf russisch zukommen zu lassen. Später höre ich nur noch, dass er sie doch lieber auf deutsch haben will, weil er glaubt, dann besser zu verstehen was ich will.

Ich kann in diesem kalten, stinkenden Raum nicht mehr arbeiten. Alle Bilder funktionieren hier irgendwie, aber auf der Bühne mit den zwei Ebenen wird alles anders aussehen und ich bin mir über die Wirkung und Dynamik der Bilder nicht im klaren. Ich brauche den Bühnenraum auch, um zu wissen wie die Szenen zu montieren sind. Es macht fast keinen Sinn mehr, hier noch weiter zu proben. Die Szenen und Monologe stehen soweit. Der Feinschliff muss auf der Bühne stattfinden.
 


 

Montag, 16. März 2004:


 

Endlich schaffe ich es, ein Auto zu bekommen und fahre zum Baumarkt, um verzinkte Metallblechplatten zu kaufen, aus denen das Bühnenbild bestehen soll. Die Verkäufer freuen sich über das gute Geschäft und mit Händen und Füßen gestikulierend können wir alle Fachbegriffe klären. Natürlich gibt es dann doch wieder einige wichtige Sachen nicht und ich muss mir einige Umweglösungen einfallen lassen. Im Klubhaus beginne ich sofort mit dem Bau. Das Material bewährt sich ganz gut, alles funktioniert so etwa wie geplant.
 


 

Mittwoch, 17. März 2004:


 

Jochen Hahn, der Organisator des Moskau-Berliner Kulturaustausches, hat sich angesagt, um sich eine Probe anzuschauen und die Gegebenheiten vor Ort zu begutachten. Er hat gleich noch zwei Journalistinnen im Schlepptau. Irgendwann steht dann ein Termin mit Pavel, dem Anstaltsleiter auf dem Programm. Die großen Männer streicheln sich eine Weile, dann werden noch die weiteren Schritte verhandelt. Es geht zäh hin und her. Schließlich kommt aber dann doch dabei heraus, dass wir ab morgen in den Klub zum proben können. Zwar können nicht immer alle bei allen Proben dabei sein, sondern einige Proben sind nur für die Hälfte der Gruppe angesetzt. Aber uns fällt ein Stein vom Herzen, denn es ist höchste Eisenbahn, und keiner hat mehr wirklich Lust in unserer Muchtbude im 3. Otriad zu proben.
Gemeinsam mit dem Anstaltsleiter wird ein "Plan zur Durchführung einer kulturellen Maßnahme" entwickelt. Diesen Plan soll der Psychologe Juri in den Computer hacken. Das geht so langsam, dass sich dann unsere Dolmetscherin Valentina an den Computer setzt und schreibt. Als wir zur Probe müssen, lassen wir Juri mit dieser Aufgabe wieder allein in seiner Psycho-Dunkelkammer.
Nach einigen Stunden kommt er dann auch auf die Probe und meldet stolz den Vollzug der Aufgabe und die vollkommene Zufriedenheit des Chefs. In der Spalte für die Verantwortlichkeit steht immer Oleg, der bei diesen Besprechungen aber leider nicht dabei war. Dieser Maßnahmenplan soll nun ans Ministerium weitergeleitet und genehmigt werden.
 


 

Donnerstag, 18. März 2004:


 

Kurz vor Probenbeginn, unsere Mannschaft steht schon in Reih und Glied am Anstaltstor, fällt plötzlich auf, dass vom Ministerium noch gar keine Rasruschenie (Genehmigung) vorliegt, weil dort heute offenbar alle geschlafen haben und nicht gemerkt haben, dass sie noch einen Stempel auf unseren Maßnahmenplan machen müssen. Es setzt wieder ein hektisches Herumtelefonieren ein. Nach ca. 1½ Stunden steht dann fest, dass der Verantwortliche heute dazu nicht mehr in der Lage ist, aber für morgen sei jetzt alles geregelt, da geht alles klar. So richtig überzeugt sind wir von dieser Ansage nicht und trotten niedergeschlagen in unseren alten Probenraum im 3. Otriad. Probenzeit zu verschenken können wir uns keinesfalls mehr leisten jetzt.
 


 

Freitag, 19. März 2004:


 

Das Bühnenbild steht in den Grundzügen. Es steht aber noch viel Fummelarbeit an. In der Anstalt wurden auch noch zwei Treppen für uns gebaut. Sie sind leider krumm und schief geworden und auch noch eine Stufe zu hoch. Deshalb ragen sie jetzt kreuzgefährlich in den Raum. Die Wände wackeln auch noch gewaltig. An einigen Stellen an der hinteren Bühnenwand muss man aufpassen, dass man nicht in den Keller durchstürzt, denn einige Bretter sind vollkommen durchgefault. Die Verantwortlichen fordern von mir, dass ich die marode Rückwand abhänge, da man so was ja nicht zeigen darf, so was ja nicht schön ist.
Elke und Christine wollen nach Moschaisk fahren, um dort die Kostüme abzuholen. Obwohl diese Fahrt auf unserem "Plan zur Durchführung einer kulturellen Maßnahme" steht, ist natürlich nichts organisiert und kein Auto zur Verfügung. Ich frage Andreij Genrichowitsch (nachfolgend auch Heinrich genannt). Er sagt "Frag den Natschalnik." Ich frage Pavel. Der sagt: "Frag Heinrich, der kümmert sich drum." Beim Hinausgehen höre ich ihn ins Telefon brüllen, dass Heinrich sich gefälligst um ein Auto kümmern soll. Ich komme wieder zu Heinrich. "Ach du bists wieder. Der Natschalnik hat eben Bescheid gesagt, dass ihr ein Auto braucht. Mal sehen, wie sich das lösen lässt." Jetzt hat er zu tun. Er pfeifft sich erst einmal ein paar Leute zusammen, und jetzt überlegen alle, wie sich das Problem lösen lässt. Eigentlich will er uns den Wolga vom Chef geben. Aber dann glauben doch alle, dass das keine so richtig gute Idee ist. Da ich in Moskau auch noch etwas Technik abholen will, haben wir jetzt einen richtigen Grund, uns ein möglichst großes Auto zu geben. Also bekommen wir den Gazehl-Kleinbus. Petrowna, eine Angestellte aus dem Verwaltungstrakt, kommt auch noch mit. Sie hat irgendetwas in Moschaisk zu tun, eigentlich hilft sie unseren Frauen aber dann die ganze Zeit beim Einkaufen und Sachen besorgen und unterhält den Fahrer Boris Iwanowitsch, der immer durch bedächtige und sichere Fahrweise aufgefallen ist.
Kurz nachdem die Fahrt dann losgeht, hält der Fahrer und muss noch bei einem Kumpel vorbei und dann noch einige Leute woanders vorbeifahren. Christine hat Angst, heute überhaupt nicht mehr anzukommen. Dann geht es aber beständig voran.
Die Kostüme sind auch alle gut genäht, vollständig und fertig.
Die Fahrt geht nach Moskau. Christine hat den Weg auf der Karte genau studiert. Leider glaubt der Fahrer nicht an Karten und kann sie nicht lesen, bzw. weigert sich, dies zu tun. Christines Wegvoraussagen lehnt er also ab und fragt lieber mal hier und da nach dem Weg. Das dauert zwar etwas länger, aber man kommt zum gleichen Ziel. Mit Sergej, dem Technikverleiher habe ich mich nun doch so halbwegs verständigen können. Die Preisvorstellungen sind extrem verschieden, das wollen wir aber noch nicht sofort austragen. Wir suchen die wichtigsten Sachen zusammen, packen alles ins Auto und ab geht's nach Ikscha. Die Fahrt geht ruhig und ohne Zwischenfälle. Erst als wir vorm Klub angelangt sind, die Klubchefin aus dem Bett klingeln, die sich dann noch weigert, diese teuren Apparaturen in ihrem Klub einzuschließen, fährt Boris den Bus im Schnee fest. Dann laden wir doch noch aus, es kommt Hilfe, das Auto wird aus dem Schnee gezogen, und alle ziehen nach getaner Arbeit ihres Weges.
Währenddessen hatte die erste Probe im Klub nun wirklich stattgefunden, bei der auch viele Probleme offenkundig wurden. Einige Sachen waren zu kammerspielartig angelegt, der Rhythmus des Stückes funktionierte überhaupt noch nicht, Szenen müssen neu verortet werden.
Aus dem Ministerium hat sich Oberst Vitali Leonidowitsch Polosijuk zu Besuch angesagt. Er will sich eine Probe anschauen und mit uns über den Ablauf der Veranstaltungen und der Gastspielreise reden. In der Kolonie herrscht natürlich wieder helle Aufregung über den hohen Besuch, aber unsere Probe läuft, wenn auch mit noch höherer Bewachungskapazität.
Beim folgenden Arbeitsgespräch mit Pavel und Polosijuk wird aber im Prinzip alles halbwegs so genehmigt, wie wir uns das vorgestellt haben. Aus dem Ministerium haben sich auf jeden Fall schon sehr hohe Gäste angekündigt, die Frage der Premierenfeier ist äußerst kompliziert und für uns nicht wirklich verständlich zu klären.
Diesmal hat sich Polosijuk schon mal schlau gemacht, kennt das Stück und beglückwünscht uns zu der sehr klugen Auswahl des Stückes, vor allen deshalb weil Pavel und Jewgenij Schwarz lange Zeit in der selben Stadt gelebt haben. Wir freuen uns natürlich, damit so ins Schwarze getroffen zu haben. Pavel wusste zwar bis zu diesem Zeitpunkt auch noch nichts von diesem höchst bedeutsamen Umstand, nickt aber würdevoll und wissend lächelnd.
Ich muss noch nach Moskau, um mich mit dem Video-Cutter für die Installation von Interviews zu treffen und lasse mich von Polosijuk in seinem Ministerialwolga mitnehmen. Auf dem Weg müssen wir wegen überhöhter Geschwindigkeit eine saftige Strafe zahlen.
 


 

Samstag, 20. März 2004:

Lichtaufbau im Klub. Wir müssen uns an die Starkstromanlage der Anstalt anschließen. Das geht nur über freie Verkabelung. Der Elektriker Mischa, welcher in der Unterkunft für auf Bewährung Entlassene haust, scheint nicht wirklich vertrauenserweckend. Aber er versteht schnell, was ich von ihm will und rennt nicht gleich wieder weg von der Arbeit, sondern guckt, ob es wirklich funktioniert. Wenn wir allerdings im Saal das Licht anmachen, geht es draußen aus. Der Dimmer lässt sich auch nicht richtig betätigen, es geht nur 0 oder 100%. Es werden noch alle Umpolungen probiert, aber der Strom schwankt. Alle haben Angst, dass wir mit unserem Stromverbrauch den Stromkreislauf der Kolonie lahm legen.
Probe. Peter zieht ein strammes Programm durch. Die Jungs sind noch etwas verschämt, weil sich eine große Mannschaft Bewacher versammelt hat und der Probe beiwohnt. Nach anfänglicher Unruhe lässt es sich aber dann ganz vernünftig arbeiten. Die vielen Veränderungen überfordern die Darsteller ziemlich, viele haben keinen wirklichen Plan, wo wir eigentlich gerade sind im Stück.
Am Abend findet im Teatr.doc eine Präsentation des Interview-Projektes statt. Leider wird es ein ziemlicher Reinfall, weil, obwohl vorher alles kontrolliert war, dann plötzlich kein Ton mehr auf dem Videoband auffindbar ist. Nachdem ewig herumprobiert wird und alles keine Ergebnisse bringt, zeigen wir ein Band mit einigen Probenzusammenschnitten. Danach gibt's ein Gespräch mit dem Publikum und zum Abschluss zeigen wir noch einige Aufnahmen von der letzten Produktion "Toter Winkel" in Tegel.
Georg behauptet steif und fest, der Abend wurde trotzdem sehr positiv wahrgenommen, aber wir stinken alle total ab. Zumindest können wir noch ein paar Scheinwerfer einpacken und fahren zurück in unser Arbeitsdorf.
 


 

Sonntag, 21. März 2004:

Sonntagsprobe von 9.30 bis 12.30 Uhr. Wir kommen so halbwegs durch das Stück, das Ende schaffen wir aber in der Zeit nicht. Alle Abteilungen arbeiten auf Hochtouren, letzte Besorgungen werden in Auftrag gegeben. Nachmittags Einzelproben in der Schule.
 


 

Montag, 22. März 2004:

Noch mal Material besorgen für die Bühne, es wird jetzt doch langsam alles ganz schön monumental. Die Spannung steigt. Heute kommt auch noch ein Bergsteiger mit Ausrüstung, weil als Abschlussbild das Erhängen des Bürgermeisters geplant ist. Also muss ich erst mal lauter Hänge-Varianten ausprobieren. Zu guter Letzt wird eine Variante gefunden, die möglich erscheint. Ob es allerdings in den Ablauf mit Umzug einzupassen ist, ist noch nicht absehbar.
Einzelne Szenen werden noch mal geprobt. Wir probieren einen Durchlauf, kommen aber nicht ganz durchs Stück.
 


 

Dienstag, 23. März 2004:

Die Kostüme sind jetzt auch da. Generalprobe. Der Fotograf will erst 100$ die Stunde, gibt sich dann aber großmütig mit 100$ den Tag zufrieden. Er schleicht überall herum und wird erst aus der Garderobe, dann von der Bühne vertrieben und setzt sich direkt neben mich und ich habe ständig sein Klicken im Ohr. Auch ich jage ihn kurzerhand fort. Bald darauf sitzt er hinter mir, dann kniet er wieder vor mir, schließlich habe ich ihn erneut neben mir sitzen. Mir reichts, ich verziehe mich auf die hinteren Plätze des Zuschauerraums und lasse ihm seinen Sieg.
Auch heute haben wir keinen vollständigen Durchlauf geschafft. Vor der Premiere morgen früh, müssen wir unbedingt noch einen Durchlauf machen.
 


 

Mittwoch, 24. März 2004:


 

Premiere. Drei Kamerateams haben sich angekündigt. Am Ende sind es acht. Wir müssen sie vor dem Publikum in den Zuschauerraum lassen, um ihnen die Positionen zuzuweisen. Das erste russische Fernsehen postiert sich direkt vor dem Lichtpult, als wir sie verjagen wollen, bemerken sie nur lakonisch: "Gern, wenn ihr wollt, daß das erste russische Fernsehen schlecht über die Inszenierung berichten soll!"
Die Jungs sind völlig aus dem Häuschen. Zu dem Zeitpunkt können sie sich noch im Zuschaueraum bewegen. Die Journalisten stürzen sich auf jeden, dessen sie habhaft werden können. Es ist ein Kampf gegen Windmühlen, kaum haben wir wieder einen von den Kameras weggezerrt, schleicht sich schon der Nächste neugierig heran und wird natürlich sofort gegriffen. Wir müssen mehrmals die Kameras von der Hinterbühne schmeissen. Wir lassen eine Stunde vor Beginn die Projektionswand vor der Bühne herunter, um so einen abgetrennten Raum zu schaffen, in dem sich die Jungs konzentrieren können. Die Jungs dürfen sich jetzt nur noch im Bühnenraum bewegen. Alle Ausgänge sind mit Angehörigen einer speziellen Sicherheitstruppe, den "Speznas" besetzt. Ich erreiche eine Rauch- und Pinkelpause für die Jungs eine halbe Stunde vor der Vorstellung.
Hochrangige Vertreter der Veranstalter der Berliner Kulturtage in Moskau, wie die Staatssekretärin Frau Kisseler, unser Produzent Jochen Hahn und von russischer Seite Generäle und Ministerialbeamte, von denen wir nur General Kraftschenko und Oberst Polosiuk mit Namen kennen, treffen ein. Freunde aus Deutschland und einige deutsche Journalisten haben auf Grund schlechter Koordination daheim leider nicht kommen können. Danke an die SAM-Kraft! Nach langen Danksagungen seitens der Russen und Deutschen, bei denen auch niemand vergessen wird und einer kurzen Stückzusammenfassung, um die wir gebeten wurden, geht es dann endlich los. Ich schieße mit Sibylle und Christine schnell zur Bühne und wir machen einen Konzentrationskreis mit anschließender Umarmung. Ich mühe mich, in der Aufregung niemanden zu vergessen. Dann geht jeder auf seinen Posten. Sibylle hinter den Kulissen, um die völlig überforderten Jungs rechtzeitig zu den Auftritten zu schieben. Holger an sein Lichtpult, ich an den Projektor und Christine an die Projektionswand.
Alles funktioniert: Ton der Projektion, der Kraftstrom für die Scheinwerfer bricht nicht zusammen, die Leinwand klemmt nicht und Sibylle schafft es, rechtzeitig alle in Position zu bringen. Dank der Energie der Jungs wird es eine gute Vorstellung. Nervig sind nur die Blitzlichter und die Verwandten der Spieler, die ständig an die Bühne flitzen, um ihre Kinder zu fotografieren. Was solls, die Bilder stehen, der Abend ist geschafft. Es folgt ein Publikumsgespräch, auch die Jungs kommen zu Wort. Die Leute wollen wissen, was das besondere an der Arbeit war? Welche Rolle ihnen am besten gefällt? Gennadi findet natürlich seine Rolle, die des schurkischen Bürgermeisters am besten. Sie sind einfach stolz auf ihre Leistung und lassen sich nicht irritieren. Ignorieren Fangfragen wie: Ob sie wissen, was sie da gespielt haben? Und strahlen über alle Backen. Aleksej, der den Lanzelot spielt, sagt kurzerhand, das besondere war, daß wir mit Deutschen gearbeitet haben. Jemand ruft in den Saal, warum denn heute noch Brecht? Ich wußte es bis dahin auch nicht.
Danach muß ich Interviews geben, eigentlich gut, doch unsere Spieler werden gleich abgeführt. Würde lieber noch kurz mit ihnen reden. Die Fragen: Ob ich glaube, daß, wenn ich kein Theater mit Gefangenen machen würde, das Interesse der Medien ähnlich groß wäre? Oder: Ob ich die Welt retten will? Und last but not least: Warum das Ganze? Es lebe der Journalismus! Ich schaffe es noch rechtzeitig, um einigen der schon in Marschformation aufgestellten Jungs die Hand zu geben.
 


 

Montag, 29. März 2004:

Gestern war die letzte Vorstellung auf unserer Bühne in Ikscha. Ab jetzt heißt es Kompromisse mit Licht, Raum und den Auf und Abtritten der Jungs eingehen. Das wird sich nicht gerade günstig auf die Bilder auswirken. Die Bühne im Klubhaus wuchs in den Zuschauerraum hinein. Es gab ein Oben und Unten. Diese unterschiedliche Höhe hatte ihre Bedeutung. Ich werde versuchen, jetzt mehr mit vorne und hinten zu arbeiten. Doch wird das nicht die gleiche Wirkung haben.
Dennoch freue ich mich auf die Vorstellungen im Frauenlager.
Nachdem wir zur Premierenfeier recht einsam rumsaßen, da sich die ministeriale Ebene separiert hatte und die Jungs eine halbe Stunde nach der Aufführung abgeführt wurden, war gestern ein gemeinsames (natürlich trotzdem ohne Jungs) Gelage mit viel Reden und Danksagungen. Unser Produzent Jochen Hahn hatte mit Ingo Weber, einem Förderer von aufBruch, nochmals die Vorstellung gesehen, eine typische Zweite, einer der Jungs schnarchte sogar in den Kulissen und stand dann völlig verdutzt auf der Szene, der Ton zu den Projektionen fiel teilweise aus, naja. Jedenfalls saßen wir gestern mit den Verantwortlichen für die Aufführung im Moschaisker Frauenlager, dem Oberst Pawel Valentinowitsch und den deutschen Geldgebern und Förderern zusammen. Auch die Chefs vom Speznas waren dabei. Einer der geladenen Gäste hierbei war ein jungen Mann, der für Kulturfragen im Wolgagebiet verantwortlich ist. Er schätzte die Arbeit sehr hoch ein und gab ein klares Signal an aufBruch, sich an der Wolga zu engagieren, eventuell schon im Herbst. Es gibt viele Lager an der Wolga.
Die beiden Publikumsgespräche über die Sperrlinien der Sicherheitsteams hinweg sorgten nicht gerade für Verständnis. Zu wenig Zeit. Eine u.a. immer wiederkehrende Frage: Warum dieses stilisierte Theater mit Gefangenen? Warum nicht was Einfaches, Nettes? Das Publikum begegnete der Inszenierung zwar mit hoher Konzentration und Respekt, doch warum wir diese "Brechtsche Formel" in einer, von Holger sehr schön gebauten Opernkulisse benutzten, war ihnen nicht klar. Es ist wie die immer wiederkehrende Frage "warum Theater mit Gefangenen?". Diese Frage ist schon so oft gestellt worden, daß ich es selbst nicht mehr weiß. Ich habe auch keine Lust mehr, darauf zu antworten. Warum ich mich nun für ein formales Bildertheater entschieden habe, kann ich inzwischen auch nicht mehr beantworten, nur dass es mir gefällt und sich bei mir der Verdacht einschleicht, dass es den Jungs zum Teil einfach nicht zugestanden wird, in einer klaren Form vor ein Publikum zu treten.
Die Gefangenen, ob in Deutschland oder hier stehen für eine Gruppe von Menschen, deren Zukunft in den Lagern und Gefängnissen entschieden wird. Sie haben keinen Anspruch auf individuellen Raum. Über die Souveränität des Menschen in seinen Entscheidungen ist schon viel geschrieben worden und ob es sie überhaupt gibt ist fraglich, doch eins steht fest, individueller Freiraum wird durch Zugeständnisse an die Macht herrschender Konventionen erkämpft und geht gleichzeitig dadurch verloren. Es ist also etwas, was nicht mit einer allgemeingültigen Formel beschrieben werden kann, sondern einzig durch die persönliche Wahrnehmung des Einzelnen über seinen individuellen Spielraum innerhalb dieser Konventionen beurteilt wird.
Wir proben mit Inhaftierten, Weggesperrten, ihnen eine Form zu geben, heißt ihnen Würde geben. Naturalismus im Sinne des Kammertheaters oder der Einfühlung in eine Rolle kann es für mich mit Inhaftierten nicht geben. Das würde dem Voyerismus des Publikums entgegenkommen. In was kann sich der Inhaftierte einfühlen? Die Jungs sind zum Teil seit mehreren Jahren im Lager, dazu kommen noch ein bis zwei Jahre Untersuchungshaft. Was sollen sie bitte schön an Gefühlen der Gier des Publikums vorwerfen? Gefühle, die dieses nie nachvollziehen kann. Abgesehen davon kann keiner von uns die Konsequenzen einer solchen Arbeitsweise absehen und ob das dann noch was mit Theater zu tun haben wird, bezweifle ich. Es ging bei unserer Arbeit in erster Linie um ein Produkt und nicht um Analyse. Um was geht es im Theater? Ich denke um das menschliche Treiben um Macht, Liebe, Verrat, Hunger, Durst, Krankheiten, Sehnucht, Einsamkeit.... dazu braucht es die Einfühlung des Kammerspiels nicht. Die Handlungsweisen des Menschen erkläre ich im Einzelfall innerhalb konkreter Vorgänge auf der Bühne, diese zu analysieren bleibt Aufgabe des Zuschauers und je formaler, desto größer die zu führende Auseinandersetzung bei ihm.
Abgesehen davon, dass der Alltag im Lager klare Form ist und eben deshalb muß auch ich eine klare Form nutzen. In der Form können sie sich sicher bewegen und je härter ihr Leben, desto klarer müssen wir an einer künstlerischen Form arbeiten, um in dieser wirklich was über den Menschen zu erfahren.

Das Leben im Lager nach der Probe ist für unser Team ebenso unbekannt wie für den Zuschauer. Über Lagerinternes wird mit Fremden nicht gesprochen. Das ist ein unausgesprochenes Gesetz. Wer das Gesetz beachtet, beweist, daß er Stolz hat. Im Unterschied zum Großteil der deutschen Männer in Tegel wird hier nicht über sein Schicksal geklagt, manchmal scheint etwas Wehmut durch, doch mehr nicht. Wir haben mit unserer Arbeit hier auch die Verpflichtung übernommen, die Regeln zu beachten.

Nach der Premiere ist z.B. unser Aleksej, der den Lanzelot spielt, für zwei Tage in den Karzer gewandert. Als er am Tage der zweiten Vorstellung pünktlich wieder rauskam, hatte er eine fette Schramme am Kopf. Auf unsere Frage, was passiert sei, antwortete er lachend: "Ich habe an der falschen Stelle geraucht." Oder auch nicht.
Es ist völlig unwichtig, warum sich die Erde dreht, entscheidend ist, daß sie es tut.
 


 

Freitag, 02. April 2004:

Nachdem wir noch zwei Vorstellungen in der Anstalt selbst machen konnten, um den 280 nicht zur Vorstellung zugelassenen Jungs unsere Arbeit zu zeigen, ging es dann 100 km westlich nach Moschaisk in die Frauenkolonie. Mit einem Fahrer von der Anstalt, der die Strecke schon 10 Jahre nicht mehr gefahren war und glaubte, wir wollten nach Minsk. Nach lautstarkem Intervenieren unsererseits bog er dann aber doch auf die Moschaisker Allee ab, einer Parallelstrasse zur Wolokolamsker Chaussee.
Drei Polizeikontrollen, eine gesperrte Autobahn wegen Staatsbesuch und jede Menge brennender Felder zwischen Neubaublöcken, Blöcke bis zum Horizont und dazwischen Einkaufscenter, die wie gelandete UFOs aussehen. Der Speckgürtel Moskaus wird bewacht. Unser Fahrer, ein orientierungsloser Zeitgenosse, der in jede Kontrolle reinfuhr, ja sie förmlich anzog, konnte keine Karte lesen und fragte mehrmals nach dem Weg. Das konnte auch bei einem Auto sein, das mit einer Panne auf der Autobahn stand. Bei der letzten Polizeikontrolle ungefähr 15 km vor Moschaisk gab es dann noch Ärger mit den Fahrzeugpapieren. Es war schon dunkel und wir hatten die Nase voll. Wieder 20 Minuten warten. Die Deschurnaja des Wojennüj Dom Odych (Militär- Erholungsheim) hatte Gott sei Dank die ganze Nacht Dienst und wir konnten um 22 Uhr einchecken. Fazit: 5 Stunden für 150 km.
Die Zimmer sind sauber. Es gibt extra Decken, nur mit dem Duschen wird es schwierig. Zu lange Leitungen, bedauert die Deschurnaja unseres Blockes. "Ihr müßt das Wasser eine halbe Stunde laufen lassen." Doch es bleibt bei einer Katzenwäsche, mehr als 20 Grad sind heute abend nicht drin. Wir schlendern noch mal zur Bar des Erholungsheimes. Das Interieur: Holzstühle mit Kunstleder überzogen, abwaschbare Tischdecken, Papiergirlanden. Aus der Sharp-Box bellt russischer Pop und über der Bar blinken Glühlampen in rot, blau und gelb. Ein lauter Mann Mitte 30 fummelt an einer kichernden Blondine herum. Es sind die einzigen Gäste. Nach einer halben Stunde sitzt er an unserem Tisch. "Deutsche! Ah, ich auch deutsch, heiße Wolfgang, komme von der Wolga!" Höflich erkundigen wir uns nach seiner Geburtsstadt. Wladimir antwortet er. Wladimir liegt aber doch im Moskauer Oblast, geben wir zu bedenken. Woher wißt ihr das, antwortet er lachend. "Nein, Wladimir ist mein Name. Auf Deutsch heißt es doch Wolfgang oder? Ihr seid doch Deutsche?" Der erste Kontakt schon ein Mißverständnis. Da geht ja gut los. Jetzt setzt sich seine Freundin zu uns. Sie bringt ihm seinen Cognac von der Bar.
"Das ist meine Geliebte. Ich habe eine Frau und drei Kinder und das hier ist meine Olga." Olga kichert auf seinem Schoß und er grabbelt an ihr rum und wird dabei nur von heftigem Husten unterbrochen. Er ordert einen Liter Wodka. "Was macht ihr hier?" Jetzt beginnt das, wovor ich mich immer fürchte. Man muß erzählen und ein besoffener Mensch nutzt die Gelegenheit, um Einsichten in die Zerrissenheit seiner Seele zu geben. Holger beginnt mit den Standardsätzen zu unserer Arbeit.
"Ah, Theater im Lager." Er hatte natürlich davon schon übers Fernsehen gehört. "Ihr müsst das wahre Leben kennenlernen. Die Lager sind nur ein Teil des russischen Lebens. Wir leben, wie wir leben. Wenn ihr nach Hause kommt, seid objektiv! Das Schlechte ist das eine, aber unser Leben ist, wie es ist. Es ist unser Leben." Wir prosten und trinken auf ex. "Versteht ihr?" Seine Hand klatscht auf meine Schulter. Ich nicke. Er grinst. Dann setzt ein Schweigen ein. "Wie ist euer Leben?" hakt Holger vorsichtig nach. Wolfgang schaut in die Runde und genießt die Aufmerksamkeit. "Jeder Russe wird irgendwann kriminell, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen." Holger fasst sich erneut ein Herz und fragt, was er arbeitet. Wolfgang zieht die Augenbrauen hoch und fixiert Holger. "Das geht dich nichts an." Keine weiteren Fragen. Wolfgang lacht, hustet, fährt Olga unters Hemd, "Ich kann euch Klöster zeigen. Ich kenne dort ein paar Nonnen....!" Olga wechselt das Thema und beginnt von der Gewalt auf den Dörfern zu erzählen. Es folgen Geschichten von Totschlag, Mord und Vergewaltigungen. Ich kann dem nur schwer folgen. Sie spricht ein sehr schnelles russisch. Wolfgang setzt dem eins drauf und betont, daß er in Tschetschenien war. Auf Nachfragen gibt er keine weitere Auskunft. Nur, dass er genug für sein Leben gesehen hat. Olga streichelt ihm den Kopf und zwitschert, dass er immer so wütend wird, wenn er vom Krieg erzählt. Wir nicken wieder bedeutungsvoll und sind uns einig, daß wir das nicht ausprobieren wollen. Christine fragt Olga, was sie so arbeitet. Sie gibt im Gegensatz zu ihrem Begleiter fröhlich Auskunft über ihre Tätigkeit in einem Lager als Offizierin. Sie arbeitet im Büro und koordiniert so gewisse Sachen. Es entspinnt sich ein Gespräch zwischen Olga und Christine. Ich sitze am anderen Ende des Tisches und bekomme nichts mit. Da es Elke ähnlich geht, versuche ich sie durch Zeichen zum abhauen zu bewegen. Wolfgang labert inzwischen mit Holger irgendwas und ich verstehe nichts mehr. Holger kommt aus dem Nicken nicht mehr raus und rutscht unruhig auf seinem Stuhl hin und her. Der Wodka, die anstrengende Fahrt und die zwei Sprachen drehen sich in meinem Kopf. Ich bin froh, mit Wolfgang nicht reden zu müssen. Er hat sich zielsicher Holger rausgesucht. Holger versteht am meisten russisch.
Ich dränge zum Aufbruch. In solchen Fällen ist ein schnelles abruptes Aufstehen immer das Beste. Ich verständige mich kurz mit Holger und den Mädels. Es funktioniert. Olga ist auch müde und Wolfgang zu besoffen, um sich dem zu widersetzen. Langes Händehalten, Wolfgang nutzt den Vorgang, als zusätzliche Stabilisation im Stehen. Er schmiert uns seine Telefonnummer auf eine Serviette und wir können endlich an die frische Luft.
 


 

Samstag, 03. April 2004:

Am Morgen gibt es Haferschleim und Hirse mit Leber. Wir nehmen ein Taxi und sind pünktlich um 10 Uhr am Tor des Frauenlagers. Der SIL mit der Bühnendeko ist schon da. Nach einer Stunde dürfen wir endlich auf das Anstaltsgelände und beginnen mit dem Aufbau. Nach 7 Stunden steht alles und wir beginnen unseren Stadtbummel.
Die Stadt Moschaisk hat ungefähr die Größe Schwerins. Am 25.01.43 wurde Moschaisk von den Deutschen befreit. Vom alten Moschaisk sind noch 2 Kirchen zu sehen. Heute ist die Stadt eine Ansammlung von Nachkriegsurbanismen.
Plattenbauten, Fleischverarbeitungshöfe, Hallen gleich riesigen Containern, in denen medizinische Apparaturen hergestellt werden und Baugewerbeflächen lassen uns die neue Zeit bewundern. Vor den öffentlichen Küchen stehen Arbeiter und warten auf die günstige Mahlzeit. Auffällig dabei ist die hohe Prozentzahl der Arbeiter aus den ehemaligen Kaukasusrepubliken. Ein Stadtzentrum ist nicht wirklich zu erkennen. Die größere der beiden Kirchen liegt auf einem Hügel, von wo aus die Stadt gut zu übersehen ist. Hier wird mal das Stadtzentrum gewesen sein. Ein Internetcafe gab es mal, doch es wurde wieder geschlossen. Auf den Hügeln um die Stadt wachsen die Datschen.
Der Moskauer zieht es vor, im Sommer die Wochenenden auf einer Datsche zu verbringen. Die Größen gehen dabei sehr auseinander. Vom Holzhüttchen bis zur mehrstöckigen Villa läuft alles noch unter Datsche.
In Moschaisk gibt es 3 Lager, die wie Ikscha von deutschen Kriegsgefangenen erbaut wurden. Wie uns Wolfgang gestern in der Bar im Militärerholungsheim versicherte, waren 60 Prozent aller männlichen Russen schon mal im Arbeitslager. Lass es die Hälfte sein, auch das reicht, um zu verstehen, welche gesellschaftliche und wirtschaftliche Funktion die Lager haben.
 


 

Sonntag, 04. April 2004:

Die Bühne ist viel kleiner. Verschiedene Auftritte müssen anders organisiert werden. Wir haben dazu genau eine Stunde Zeit. Mehr gibt uns die Kommandeurin des Lagers nicht. Die Jungs kommen pünktlich. Als erstes in die Kostüme, dann die Abgänge und Bilder durchgehen. Alle reden durcheinander. Ich hatte mir gestern noch einen Zettel gemacht, doch finde ich ihn nicht mehr. Um 12 Uhr stürmen 250 Frauen in blauen Wattejacken und braunen Kopftüchern den Saal. Rufen, Kampf um Plätze. Schreie der Ordnerinnen. Zu erkennen an schwarzen Armbinden. Die Jungs zittern hinter der Bühne. Von dort hört sich der Saal wie ein Fleischmarkt an. Er ist es wohl auch.
Die Frauen haben den Jungs Piroggen gebacken. Doch keiner hat so recht Hunger. An zwei Stellen im Stück gibt es jeweils einen Ab- und einen Aufgang aus dem Publikum. Unser Lanzelot Aleksej bittet Georg den Dolmetscher um Wachpersonal im Publikum. Die Jungs haben jetzt schon die Hosen voll. Es wird die schönste Vorstellung überhaupt. Einige der besonderen Angeber verstecken sich zwar oft hinter den Kollegen auf der Bühne und piepsen nur noch, doch die Hauptrollen kämpfen um Glaubwürdigkeit. Die Frauen sind an dem Geschehen so dran und kommentieren so laut die Handlungen, das zwar ein paar leise Stellen untergehen, doch wird endlich mit Humor reagiert und in einigen Szenen begreife ich erst jetzt den Witz unserer Arbeit.
Applaus, die Frauen, mit denen wir die Videoaufnahmen für die Projektion gemacht haben, kommen in Abendgarderobe auf die Bühne und überreichen Beutel mit Zahnpasta, Zahnbürste, Waschbeutel, Handcremes etc. Die Mannschaft strahlt.
 


 

Mittwoch, 07. April 2004:

Der Flieger geht am 9.04., ein Freitag. Ostern zu Hause. Daheim ist viel liegen geblieben. Ich freue mich auf den Frühling. Morgen ist ein letztes Treffen mit den Jungs. Abschied nehmen.