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Montag, 26. Januar 2004: Um 4.30 Uhr startet unser Sammeltaxi im Friedrichshain zum Flughafen
Tegel. Mit 50 kg Übergewicht checken wir ein, und das obwohl wir einen
Teil der Gastgeschenke im Kühlschrank der Produktionsleiterin vergessen
haben. Eine Fokker 100 bringt uns mit ca. 2 Stunden Verspätung sicher
zum Flughafen in Moskau Domodedowo. Dort nimmt uns ein Kommando aus
dem Ikschaer Jugendgefängnis in Empfang und bringt uns mit einem Kleinbus
nach Ikscha / Nowoje Grischino, dem Sitz der gut 100-jährigen Anstalt.
Der stellvertretende Anstaltsleiter begrüßt uns, da der Anstaltsleiter
krank ist und wir gleichen den Stand der Verhandlungen ab. Nebenbei
läuft eine bekannte amerikanische Fernsehserie im Fernsehen. Der Bildschirm
flimmert ähnlich verschneit wie die russische Landschaft um uns herum.
Noch stehen wir uns alle sehr skeptisch und vorsichtig gegenüber.
Dennoch herrscht eine große Neugier auf die bevorstehende Zeit. Als
es um die Besichtigung der organisierten Quartiere geht, begreifen
wir einmal wieder die Bedeutung des Begriffes "russische Verhältnisse":
Statt der, immerhin seit einer Woche angekündigten, 4 Zimmer in drei
Wohnungen, stehen nun nur zwei 1-Raum-Wohnungen für uns zur Verfügung.
Aus einer muß ein verdienter Veteran der Jugendkolonie zu einer Bekannten
ausziehen. Sein Mittagessen steht noch halbgegessen im Kühlschrank.
Der Wind zieht durch die Fenster, ein Großeinsatz von Reinigungsmitteln
ist notwendig, Extra-Feldbetten werden organisiert und das Versprechen
unter dem Einsatz aller Kräfte sofort eine weitere Wohnung zu organisieren
steht in der Luft. Dort befindet es sich am Ende der Woche immer noch.
Also organisieren wir uns in nach Männern und Frauen getrennten WGs.
Die Küche der Männer-WG kristallisiert sich schnell als der allgemeine
Versammlungs-, Koch- und Arbeitsort heraus. Die Kücheneinrichtung
überzeugte. Also sind wir oft zu sechst auf ca. 6 qm versammelt. Nachdem wir uns etwas akklimatisiert haben, folgen die ersten Arbeitsgespräche
mit der Anstaltsleitung. Jeder versucht mehr vom Gegenüber zu erfahren,
die eigene Situation und die eigenen Vorstellungen zu klären. Keiner
scheint so richtig kompetent, keiner richtig verantwortlich. Der Leiter
der Anstalt ist noch krankgeschrieben und alle warten auf seine Entscheidungsgewalt.
Es gibt noch einen kleinen Abendimbiss, danach versuchen wir uns in
den zwei ortsansässigen Einkaufsläden mit dem russischen Warenangebot
vertraut zu machen und uns die notwendigsten Grundbedürfnisse zu erfüllen.
Fürs erste Tiefkühl-Pelmeni, saure Gurken und Wodka. |
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Dienstag, 27. Januar 2004: Der Tag beginnt mit einem weiteren Versuch, im Büro des Stellvertreters
Klarheit in die Arbeits- und Teilnahmebedingungen zu bekommen. Immerhin
dürfen wir mit allen Interessierten arbeiten, wenn diese dazu Lust
haben, d.h. es gibt primär keine Vorauswahl. Den uns angebotenen Probenraum
(ein winziger fenster- und sauerstoffloser Raum im Schulgebäude mit
festgeschraubten Stühlen) verwerfen wir, zu klein für unsere Bedürfnisse.
Ein Schulterzucken und unser Gegenüber marschiert mit uns über das
Anstaltsgelände, auf der Suche nach etwas Geeigneterem. Wir schauen
uns verschiedene Werkhallen an und den Klubraum. Etwas ratlos brechen
wir die Suche vorläufig ab. Am Nachmittag steht ein Appell für die deutsche Delegation auf dem
Plan. Alle Jungs stehen der Größe nach in Reih und Glied stramm, Augen
geradeaus im Schulfoyer. Es gibt einige Verspätungen, sie stehen etwa
10 Minuten ohne daß irgendetwas passiert. Offenbar ein nicht ungewöhnlicher
Zustand für sie. Wir warten mit ihnen und fühlen uns ob der Situation
merklich unwohler. Dann das Zeichen, wir dürfen uns vorstellen. Peter,
unser Regisseur beginnt seine Ansprache auf Russisch, kein schlechter
Einstand. Wir stellen unser Projekt kurz vor. Die Jungs hören zu,
es melden sich die Interessierten, treten vor. Danach gehen wir mit
ca. 60 interessierten Jugendlichen in den Kultursaal der Schule und
erzählen etwas über unsere Arbeit unsere Vorstellungen und den geplanten
Probenablauf, unterbrochen durch permamentes "Hereinschauen" aller
möglicher Bediensteter, Lehrerinnen, Stellvertreter und der Direktorin
der Schule. Letztere drängt dann auch zum Tee im Direktorenzimmer.
Mit der Verabredung zur nächsten Probe am übernächsten Tag mit der
Aufgabe, kleine Kostproben der eigenen Talente vorzubereiten, beenden
wir die Zusammenkunft. Die Jungen verschwinden in ihren Unterricht.
Tee und Kekse. Die Direktorin und eine Lehrerin (wir erlebten ihren
engagierten Auftritt schon als zu verkuppelnde Braut in der Schultheateraufführung,
die uns hier im November gezeigt wurde) zeigen Fotos der vergangenen
Inszenierungen. Zwei dicke Alben. "Grandios" ist das meistbenutzte
Wort und bezieht sich unmissverständlich auf die durch uns zu erwartende
Produktion. Wir entziehen uns dieser Mangel indem wir auf die naheliegenden
Probleme ablenken, u.a. das des Probenraums. Der rettende Vorschlag
kommt, als es bereits dunkel ist: ein grosser Schlafsaal in einem
mittlerweile leerstehenden Wohngebäude in der Anstalt. Strom, Licht
und Heizung fraglich. Besichtigung? Morgen sicher. Mittlerweile sind
wir erfahren genug, Gelegenheiten gleich beim Schopfe zu packen: Mit
zwei Vertretern der Anstaltsleitung und einer Taschenlampe tappen
wir im Dunkeln durchs Treppenhaus. Die Steinstufen sind abgewetzt,
man spürt die Jahre, die dieses Haus auf dem Buckel haben muß. Ansonsten
riecht es nach Moder und wir sind eigentlich ganz froh, nicht alles
genau sehen zu müssen. Oben dann ein großer Raum mit wenigen lauen
Heizungsrohren und schlecht mit Folie abgeklebten Fenstern, durch
die der Wind pfeift. Wir sind am Ziel unserer Träume. Die Löcher in
den Dielen sehen wir erst im Tageslicht des nächsten Tages. Noch im
flackernden Taschenlampenlicht einigen wir uns auf diesen Probenraum.
Es muß noch Licht und Strom verlegt werden, vor die teilweise fehlenden
Fenster werden mehrere Lagen Folie gespannt, und die Heizung muß fürs
erste genügen. Als wir durch das dunkle Treppenhaus zurückstolpern
wollen, fällt die Lampe endgültig aus. Aufkommende Gedanken an Oberschenkelhalsbrüche
vor Produktionsbeginn vertreiben wir mit lustigem Gescherze und während
wir uns gemeinsam die brüchige Treppe entlang tasten, sind sich die
Natschalniks und die deutsche Delegation wieder ein Stück näher gekommen.
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Mittwoch, 28. Januar 2004: Dieser Tag steht im Zeichen des Internets. Eine Verbindung ins Internet gestaltet sich als schwieriger als
gedacht. Der Telefonanschluss, der uns genauso zugesichert wurde wie
die 4 Zimmer, haben wir in unseren Wohnungen leider doch nicht. Von
der Anstalt aus kann man nur von einem Telefonanschluss aus Ferngespräche
führen; und dort eine freie Durchwahl zu bekommen ist eher Glückssache.
Gleichzeitig wäre aber ein Internetanschluss, der für Dienstgebäude
der Anstalt verfügbar sei, bereits seit 2 Tagen in Arbeit. Sicherheitshalber
fahren wir trotzdem ins ca. 35 km entfernte Dmitrov, einer etwas grösseren
Stadt. Dort besorgen wir russische SIM-Karten für Mobiltelefone, gehen
in ein Internet-Cafe und können auf einigen russischen Märkten nun
die volle Breite der ortsüblichen Produktpalette erleben. Wir sind
durchaus begeistert, Elke, unsere Kostümbildnerin kauft sich sofort
eine neue Mütze. Auch an der russischen Matrosenunterwäsche und Filzeinlegesohlen
kommen wir nicht vorbei, geschweige denn an den eingelegten Gurken
und anderen Spezialitäten. Wir hospitieren in der Schule und an den verschiedenen Arbeitsplätzen
in der Anstalt, um unser Bild von den Lebensbedingungen in der Jugendkolonie
etwas zu schärfen. Am Donnerstag kommt der Anstaltsleiter Pavel Valentinowitsch
in die Anstalt. Die Verhandlungen laufen in einer ungewöhnlichen Geschwindigkeit.
Am Nachmittag um 15 Uhr ist die erste Probe angesetzt. Zur Einstimmung
gibt uns die Band aus der Anstalt ein Rockkonzert, eigene Songs, Lieder
von russische Sängern, Liebeslieder, ein Lob auf Marihuana sind wild
gemischt. Danach gibt es noch einige kleine Talentproben - Gedichte
werden aufgesagt, Texte gesprochen. Zum Schluss markiert einer einen
Affen. Danach fangen wir mit 20 bis 30 Jugendlichen ein erstes Aufwärmtraining,
Lockerungs- und Stimmbildungsübungen, einige Spiele und Improvisationsansätzen
an. Die Stimmung ist noch zwischen Berührungsangst und Unsicherheit,
aber das erste Eis scheint gebrochen. |
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Freitag, 30. Januar 2004:
Das Wetter ist schlecht, in der Nacht schneit es ziemlich heftig,
am Morgen taut es aber wieder. Wir wollen eine Tour zur Besichtigung
von Gastspielmöglichkeiten machen. Da das Wetter unsicher ist, wissen
wir nicht, was wir alles schaffen werden. Und so richtig vorbereitet
ist die ganze Tour auch nicht. Der Fahrer scheint auch keine Landkarte
zu besitzen, um die wirklichen Entfernungen klären zu können. Uns
steht also eine Fahrt ins Ungewisse bevor. Zur Unterstützung unserer
Mission wird uns der Anstaltspsychologe mitgegeben. Etwas bedeppert stehen wir dann vor der Anstalt und denken uns,
dass man das wirklich telefonisch hätte klären können. Um den Tag
nicht als sinnlos abhaken zu müssen, beschließen wir noch nach Moschaisk
weiterzufahren und bitten Pavel, uns in beiden Anstalten dort anzumelden.
Der Fahrer bekommt einen mittelschweren Wutanfall, weil er jetzt einen
langen Arbeitstag vor sich sieht. Er verspricht am nächsten Tag, nicht
auf Arbeit zu erscheinen. Es soll eine Abkürzung geben, aber der Fahrer
kennt sie nicht - wir müssen über den Moskauer Ring fahren, wo immer
Staugefahr besteht.
Nach ca. 3 Stunden kommen wir nach Moschaisk, wir haben uns vor
den Toren der Stadt etwas verfahren, keiner weiß so richtig wo das
Gefängnis ist. Nach einigen Rückfragen auf der Straße erinnert sich
der Anstalts-Psychologe wieder und wir finden schnell den richtigen
Weg. In der Jugendkolonie werden wir freundlich von dem dort zuständigen
Polit-Offizier empfangen. Unser Psychologe kennt die Leute hier, die
Anstalten kooperieren miteinander. Schnell kommen wir auf ein Tässchen
Tee zum Anstaltsleiter, der nach unserer Arbeit und nach unseren Wünschen
fragt. Er fragt, warum wir in Ikscha und nicht bei ihm arbeiten. Aber
er freut sich auch auf ein bevorstehendes Gastspiel. Und schnell wird
uns der Kultursaal gezeigt. Es ist die größte Bühne in der Gegend.
Sie befindet sich neben der Anstalt und wird auch für andere Veranstaltungen
mitgenutzt. Durch das Dach regnet es durch, Licht funktioniert auch
nur noch teilweise, aber es ist viel guter Wille vorhanden. Bei dem
Gastspiel ist eventuell auch noch der Einlass von Publikum aus der
Ortschaft denkbar. Wir sind froh und zufrieden und fahren schnell
weiter ins Frauenlager. Dort fällt der Empfang deutlich unfreundlicher aus. Sie sind sauer
darüber, dass wir uns für das Ikschaer Gefängnis entschieden haben,
und wissen noch nicht, dass sie uns bei der Herstellung der Kostüme
unterstützen sollen. Außerdem ist es schon kurz vor Feierabend und
eigentlich wollen sie uns gleich wieder wegschicken. Dann lassen sie
sich aber davon überzeugen, uns noch mal die Produktionsbedingungen
zu zeigen und wollen natürlich schon genau wissen, welche und wie
viele Kostüme herzustellen sind. Es herrscht eine ziemlich angespannte
Atmosphäre. Wir schaffen es noch, den Kultursaal dort zu vermessen
und uns über die Arbeitsbedingungen dort klar zu werden. Schnell verlassen
wir die Anstalt mit der Maßgabe, bis zum nächsten Donnerstag Kostümentwürfe
zu liefern und dann vormittags zu erscheinen. Die Rückfahrt zieht
sich über 3½ Stunden hin. Da um 21 Uhr der letzte Laden in unserer
Siedlung schließt, legen wir vorher noch einen Einkaufsstopp ein.
Als dann schon fast alles überstanden scheint, geht plötzlich das
Benzin aus. Schadenfroh meckert unser Fahrer unserem Begleiter zu:
"Jetzt können deine Deutschen das Auto zur Tankstelle schieben!!"
Nach einigen Versuchen, den Motor wieder anzulassen, schafft er es
aber noch mit den letzten Tropfen Benzin zur Tankstelle. Zu guter
Letzt sind wir froh, nach dieser Marathon-Tour wieder in unserer "neuen
Heimat" anzukommen. |
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Samstag, 31. Januar 2004: Den Vormittag nutzen wir zu einer konzeptionellen Runde, wo alle
auf den aktuellen Stand gebracht werden, der geplante Stückablauf
von allen diskutiert wird. Inhaltlich zieht nun bei allen etwas Klarheit
ein, einige Streitpunkte kommen zu Tage, aber alle sind irgendwie
im Boot. Die Probe beginnt dann mit einiger Verspätung. Einige Gesichter
sind neu, einige fehlen uns schon wieder. Es wird eine Liste angelegt,
und wir beschließen auch eine Anwesenheitsliste zu führen. Unser neuer
Probenraum wird noch mit einigen Decken vernagelt, um angenehmere
Temperaturen zu gewährleisten. Aber es ist nun erst mal eine prinzipielle
Probenmöglichkeit vorhanden, die noch etwas qualifiziert werden kann.
In der Truppe hat sich auch schon eine Fraktion der Stimmführer gebildet,
und einige trauen sich kaum zu Wort. Die Gruppe ist körperlich ganz gut in Form, aber Grundbegriffe von
Körperspannung und Bühnenpräsenz sind nicht so einfach vermittelbar.
Die Disziplin funktioniert. Erste biomechanische Elemente werden probiert,
Chor und Gesang werden angeprobt. |
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Sonntag, 01. Februar 2004: Erholungstag, Spaziergang, lesen, einige dramaturgische Gespräche.
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Dienstag, 03. Februar 2004: Gestern traf eine Delegation des Justizministeriums ein. Bei dem
Gespräch waren alle aus dem Team anwesend und die drei Köpfe der Lagerleitung.
Das Filmteam von 3sat war auch dabei. Wir sind uns alle einig, dass wenn eine Änderung der Aussage am
Ende des Stückes in Erwägung gezogen werden sollte, dann wird sie
so operettenhaft, dass sie sich selbst unterläuft. |
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Mittwoch, 04. Februar 2004: Die Arbeit mit den Jugendlichen selber ist sehr spannend, wenn auch
äußerst anstrengend. Die Chefs (Lagerälteste) schüchtern die Kleinen
immer wieder ein und verhindern deren Entfaltung. Wir können sie aber
nicht alle rausschmeissen, da Ihre Präsenz auf der Bühne durch ihr
Selbstbewusstsein wesentlich stärker ist und nur mit den "Dünnen"
und "Unsicheren" kannst du eben auch nicht arbeiten. Hier sehe ich
die zweite Front an der wir stehen. Hinter uns ein Apparat von Beamten
des Ministeriums, vor uns ca. 30 Jungs die auf das Gesetz des Stärkeren
getrimmt sind. Die Älteren sind nicht selten schon 6 Jahre in diesem
Lager. Wenn wir sie nicht von unserer Idee, Theater zu spielen, überzeugen
können, endet das Ganze in einem Desaster. |
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Samstag, 07. Februar 2004: Nach dem gestrigen Badetag in der Anstalt, bei dem nur ein Drittel
zur Probe kam, gabs heute ordentlichen Krach seitens der Lagerleitung.
Da ein Großteil der Jungs nicht zu Probe kam. Die Unterkünfte und die Schule (von deutschen Kriegsgefangenen gebaut),
sind von den Arbeitsstätten getrennt und extra gesichert. Hier herrscht
Selbstverwaltung. Das bedeutet, die Älteren unter den Inhaftierten
regeln die notwendigen Verrichtungen, verteilen Aufgaben und überprüfen
die Vollzähligkeit. Sie können sich auf dem Gelände frei bewegen.
Beim Überprüfen der Teilnehmerliste stellten sie nun fest, dass sich
die Jungs nicht auf der Probe befanden, wo sie eigentlich sein
sollten. Sie konstatierten, dass es sich bei den Nichtanwesenden wohl
nicht um Theaterinteressierte, sondern um Schulschwänzer handeln muss,
da sie ausgerechnet am Badetag fehlen, wo schulfrei ist. Jetzt hatten
sie ordentlich Stress, um die Schulschwänzer im Wohngelände ausfindig
zu machen Dies wurde der Leitung gemeldet und diese wiederum fürchtet,
dass ihnen das ganze etwas ausser Kontrolle gerät. Nach der, durch
die geringe Anzahl der Anwesenden angenehmen Probe, gab es einen Appell
im Kultursaal, bei dem wir auch anwesend waren. Der zweite Stellvertreter
des Kommandeurs, eine väterliche Autorität, schiss die Jungs erst
mal ordentlich zusammen und forderte uns auf, unsere Arbeitskriterien
darzulegen. |
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Sonntag, 08. Februar 2004: Heute ist Sonntag und Elke/Kostümbildnerin ist mit Holger/Bühnenbildner
seit zwei Tagen wieder in Deutschland, der Dolmetscher ist bei seiner
Familie in Moskau und die verbleibenden 3 Leute unseres Teams können
sich heute die zwei Einraumwohnungen in denen wir seit zwei Wochen
recht beengt leben so teilen, dass man sich nicht ständig auf die
Füsse tritt. Normalerweise sieht das so aus, dass wir abends nach
der Probe zu sechst in der Küche der Männer sitzen und kochen, Wodka
trinken und den Tag auswerten. Ein Ritual, das sich nach zwei Wochen
mehr als erschöpft hat. Die Neuigkeiten sind längst keine mehr und
die Standpunkte der einzelnen Mitglieder sind im Wodkadunst mehrmals
deutlich ausgesprochen worden. |
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Dienstag, 10. Februar 2004: Gestern war wider Erwarten eine sehr intensive Probe. Es kamen wirklich
nur noch diejenigen, die Lust auf die Arbeit haben. Wir sind jetzt
bei zwanzig Jungs. Von den Chefs sind nur noch wenige da, was sicherlich
damit zusammenhängt, das wir einen von ihnen rausgeschmissen haben.
Für die Jüngeren ist das ein Segen, auch für uns. Unsere Favoriten
sind Gott sei Dank geblieben. Wir haben erste Texte reingegeben und
das Anfangsbild gebaut. |
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Mittwoch, 11. Februar 2004: Einer der Jungs, Victor, darf seit gestern nicht mehr zur Probe,
Verdacht auf Tuberkulose. Ein schmächtiger Junge, aber ein tüchtiger
Arbeiter auf den Proben. Hoffentlich sehen wir ihn bald wieder. |
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Samstag, 14. Februar 2004: Die letzten Tage war es sehr kalt. Nachts fiel das Thermometer bis
auf -25 Grad. Für die Proben bedeutet das, die Jungs viel zu bewegen.
Die Fenster sind mit Decken und Folien halbwegs dichtgemacht. In dem
alten Schlafsaal, in welchem die Proben stattfinden, funktioniert
die Heizung zwar noch, doch gibt es keine Tür. Im Schnitt haben wir
bei den Proben 5 bis 8 Grad. Die Sensibilisierungsübungen/ Partnerübungen
halten sich entsprechend in Grenzen. Auch Entspannungsübungen auf
dem Boden können nur kurz gemacht werden. Die Jungs sind Kälte zwar
gewöhnt, doch fordert der Körper bald sein Recht und wir zittern alle
gemeinsam. Dann heißt es herumspringen und warm machen. Auch Einzelproben
werden für die Zusehenden zur Tortur. |
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Montag, 16. Februar 2004: Leider hat sich der Tuberkuloseverdacht bei Victor bestätigt. Er
kommt jetzt in eine Kolonie für Tuberkulosekranke. |
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Dienstag, 17. Februar 2004: Und wieder scheint die nächste Kältewelle im Anmarsch zu sein. Abends, als wir aus dem frisch gewischten Schulhaus (ca. 20 Grad
plus), auf den überfrorenen Schulhof traten (-25), froren unsere Schuhsohlen
kurz am Boden an. Die 10 Minuten Rückweg nach Haus dann waren unvergesslich:
Die eisige Luft hinterließ auf unseren Gesichtern ein Gefühl wie von
tausend Nadeln und die Feuchtigkeit gefror in unseren Nasen. Als wir
am selben Abend unsere Küche durch die Fensterluke lüfteten, rauchte
es herein wie Trockeneis im Theater ... Die Kälte dauerte drei
Tage. |
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Samstag, 21. Februar 2004: Der sporadische Zugang zum Internet entwickelt sich langsam zu einem
grundsätzlichen Problem. Die ganze Siedlung, in der wir leben und
in der sich auch die Kolonie befindet, hat kaum Telefonanschlüsse.
Selbst die Mitarbeiter der Anstalt sind zu Hause nur über Handys erreichbar.
Die Anstalt selbst ist zwar in das lokale Moskauer Telefonnetz des
Justizministeriums integriert, besitzt aber nur einen Anschluss, von
dem aus man ins Ausland gelangt. Noch bevor wir anreisten, haben wir
glücklicherweise einen Zugang zum Internet zur obersten Priorität
und Arbeitsvoraussetzung erklärt. Der Anstaltsleiter ließ sich daraufhin
eine Leitung zu seinem Rechner legen, der allerdings steht in seinem
Chefzimmer und das bedeutet für uns leider trotzdem nur einen sehr
beschränkten Zugang. Denn beim Empfang von ausländischen und ministerialen
Delegationen sowie bei offiziellen Dienstbesprechungen unterstützen
die deutschen Computernutzer, die sich im Chefsessel breit machen,
nicht gerade die eigene Autorität. Verständlich, und so bleibt uns
nur abzuwarten, bis der Chef den Laden verläßt, um dann fix die Zeit
zu nutzen, bis seine Sekretärin Lena ebenfalls Feierabend macht; was
sich letztlich immer mit unserer Probenzeit überschneidet und damit
kaum zustande kommt. Letzte Woche beispielsweise ganze 2 mal. Das
macht es uns schwierig, Termine für Korrespondenz oder Informationsweiterleitung
einzuhalten, vom Rhythmus des sporadischen Erscheinens dieses Tagebuchs
ganz zu schweigen. Wenn dann zu allem Unglück die Einträge aus welchem
Grund auch immer mal nicht in Berlin ankommen, wie die letzten vom
14., 16. und 17.2., und wir 5 Tage brauchten, um das überhaupt zu
bemerken und weitere 2, um sie erneut zu senden, dann entsteht leicht
der Eindruck, dass das Tagebuchprojekt ein wenig einschläft. Mitnichten!!!
Seid daher bitte nachsichtig und langmütig mit uns, in Russland brauchen
die Dinge ihre Zeit, und zwar mehr, als man sich in Berlin vorstellen
mag. |
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Dienstag, 24. Februar 2004: Die Abteilungen Dramaturgie, Kostüm und Bühne begeben sich von Berlin
aus zum Anflug zur 2. Etappe der Arbeit im Moskauer Jugendknast. Nach
dem wir stolz und ohne Nachzahlung unser ganzes Übergepäck ins Flugzeug
geschmuggelt haben, erleben wir auf dem Moskauer Flughafen die böse
Überraschung. Wir alle 3 werden am Einreiseschalter aus der Schlange
gezogen, und werden vor einem Extrazimmer aufgefordert zu warten.
Bald wird uns recht deutlich klar gemacht, dass wir alle keine gültigen
Visa haben und so nicht einreisen können, d.h. dass wir eigentlich
in den nächsten Flieger gesetzt werden und wieder nach Berlin zurückfliegen
sollen. Bald erkennen wir auch die Fehler auf unseren Visa, können
aber nur klar machen, dass wir andere Visa beantragt hatten und die
Fehler nicht erkennen konnten. Neben einigen Nigerianern stehen wir
dann ziemlich hilflos im Transitbereich des Aeroports herum, können
uns bloß per SMS mit der Außenwelt verständigen und wissen nie so
genau wie es um unsere Einreise gerade so steht. Es setzt eine wilde
Herumtelefoniererei zwischen Kulturministerium, Außenministerium,
der deutschen Botschaft, dem Gefängnis, Hahn-Produktion und einigen
anderen Stellen ein. Wir bekommen zu hören, dass jeden Tag einige
Deutsche wegen unstimmiger Visa zurück in die Heimat geschickt werden
und unser Herz rutscht uns nun immer weiter in die Hose. Dann soll
ich in Begleitung den Fahrer suchen, der uns abholen kommen sollte,
kann aber weder Fahrer noch Auto finden. Die Verzweiflung wächst.
Nach ca. 6 Stunden Warterei trifft dann endlich ein lang ersehntes
Fax vom Außenministerium ein, mit dem ein käufliches Erwerben eines
Visas nun möglich wird. Für 150 $ können nun Elke und Christine mit
neuem Visa ausgestattet das Land betreten. Leider standen nur die
beiden Namen auf dem Fax, daher muss ich noch dableiben und beginne
mich nun endgültig seelisch und moralisch auf den Rückflug vorzubereiten.
Eine kleine gesetzeswidrige Tat einer hier nicht weiter zu benennenden
Person ebnet dann aber eine weitere Stunde später auch für mich den
Weg ins Land. Die Bearbeitungsgebühr ist dann wegen der späten Stunde
noch mal um 100 $ gestiegen, dennoch fällt uns allen nun ein Stein
vom Herzen. Gegen 23 Uhr trifft dann auch noch ein Fahrer für uns
ein, der uns dann mit einem typisch russischen Auto, wo das Gaspedal
nur in der Vollgasposition funktioniert, die nächsten 180 km nach
Ikscha transportiert. Mit einer Portion Pelmeni werden wir nun wieder
voll ins russische Leben integriert. Die positive Überraschung des
Tages ist, dass wir heute eine dritte Wohnung bekommen haben und sich
nun unsere Wohnverhältnisse etwas entspannter gestalten. Die Etappe saß auf dem Fluhafen fest. Vladimir, unser Dolmetscher,
telefonierte mit Sibylle alle möglichen Ministerialebenen durch um
unsere Leute frei zu bekommen. Für mich war das die erste Probe ohne
Dolmetscher. |
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Mittwoch, 25. Februar 2004: Am Morgen finden wir uns zur strategischen Lagebesprechung zusammen,
alle Probleme und offenen Punkte werden zusammengetragen und diskutiert,
ein aktueller Arbeitsplan aufgestellt. Die aktuelle Stückfassung,
über die es auch noch unterschiedliche Ansichten gibt, deren Findungsprozess
aber nun in die Endphase geht, wird ebenfalls heftig diskutiert. Georg,
unser Mitarbeiter vom Moskauer "Teatr.doc" trifft auch ein, und wir
begeben uns zur Probe um auf den aktuellen Stand zu kommen. Es gibt
einen ersten Probedurchlauf der bisher gearbeiteten Szenen und Bilder,
leider ohne einen der wichtigen Protagonisten, den Bürgermeister.
Der wird kurzerhand von einem anderen eingespielt. Es sind schon spannungsvolle
Haltungen vorhanden, aber ab und zu bricht alles unter dem Gekicher
der Mitspieler zusammen. Es gibt einige sehr streng gebaute Bilder
und andere, die von der Spontanität, Agilität und Spritzigkeit der
Akteure leben. Einige starke Persönlichkeiten stechen heraus, aber
bei allen ist die Potenz für eine Bühnenpräsenz inzwischen zu sehen.
In den letzten Wochen hat sich eine interessante Gruppe herauskristallisiert.
Man merkt auch, dass das Aussprechen und Öffentlichmachen von manchen
Sätzen oder Situationen für die Jungs etwas besonderes ist und wirklich
etwas mit ihnen zu tun hat. Wir wissen jetzt also alle, wie viel noch
zu tun ist in den nächsten vier Wochen. |
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Donnerstag, 26. Februar 2004: Der Tag ist probenfrei und wird bestimmt durch die Arbeit an der
Textfassung, Sortieren von Übersetzungen, Formulierungen. Eine Pressemitteilung
wird geschrieben, die Arbeit für das Programmheft aufgenommen. Materialien
für Kostüme werden in Moskau besorgt. Es ist noch mal Zeit für´s Internet
und um mails zu beantworten. |
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Freitag, 27. Februar 2004: Unser Dolmetscher fährt mit Elke ins Frauengefängnis nach Moschaisk,
um dort die Arbeit an den Kostümen voranzutreiben. Daher müssen wir
eine Probe ohne Übersetzer durchstehen. Das funktioniert aber schon
ziemlich gut. Die grundlegenden Übungen kennen und können die meisten
ganz gut und bei der szenischen Arbeit sind alle konzentriert, weil
sie alle plötzlich in der Verantwortung sind, zu verstehen. Wenn der
Sinn dann verstanden ist, übersetzen die Jungs untereinander füreinander.
So können die meisten Sachen geklärt werden. Und wenn dann Peter auch
von uns nicht mehr verstanden wird, schmeißt er uns von der Bühne
und macht es eben selber vor - und alle wissen Bescheid (alle wissen
wo der Hammer hängt). |
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Dienstag, 02. März 2004: Gestern hat unser Dolmetscher, Vladimir den "Marschbefehl" nach
Berlin bekommen. Seit über einer Woche ging es ihm schon gesundheitlich
nicht gut. Wir glauben, daß er nur in Berlin Hilfe bekommen kann.
Ein befreundeter Regiesseur, Georg Genoux, der seit mehreren Jahren
in Moskau arbeitet, wird uns jetzt erstmal aushelfen, bis wir wissen
wie es weiter geht. |
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Mittwoch, 03. März 2004: 10.00 Uhr Besprechung der aktuellen Stückfassung. Es ergeben sich
noch einige Änderungen, neue Einschübe werden besprochen. |
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Donnerstag, 04. März 2004: 10.00 Uhr ist Besichtigung unseres geplanten Spielortes, des Klubhauses.
Wir testen den Videobeamer, die Leinwand des Klubs und machen noch
eine Bühnenbesprechung vor Ort. Alle wollen jetzt einen ganz großen
Ofen - der russische Monumentalkunst-Gedanke hat sich bei allen festgefressen. |
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Freitag, 05. März 2004: Das Fernsehteam von 3sat ist wieder vor Ort und mit allerlei Filmaufnahmen
beschäftigt. Gestern waren sie mit unserer Kostümbildnerin Elke in
Moschaisk und filmten dort die Entstehung der Kostüme, die grossen
Werkhallen mit Näherinnen und den Alltag im Frauengefängnis. |
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Samstag, 06. März 2004: Im Klubhaus vor der Anstalt müssen wir uns um 12 Uhr mittags das
Kinderprogramm zum Frauentag anschauen. Die Kinder kämpfen mit den
Widrigkeiten der Technik, die ständig ausfällt. Sie stehen tapfer
auf der Bühne und schauen minutenlang starr ins Publikum. Wir ahnen
plötzlich, wie viel bei unserer Inszenierung hier schief gehen kann.
Einzelproben mit Bürgermeister, Drachen, Lanzelot und Schreiber. Interviews.
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Sonntag, 07. März 2004: Marktag in Dimitrov. Hier lassen sich die Spezialitäten der russischen
Küche auftreiben. Lachs, Kalbsfleisch, Schaschlik, eingelegte Gurken
und Krautsalate, frische Fische ... |
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Montag, 08. März 2004: Strahlender Sonnenschein, Montag. Seit zwei Tagen wird im Dorf Frauentag
gefeiert. Vorm Dorfkonsum rufen uns Jugendliche nach: "Die Deutschen
sind ja immer noch da ......", den Rest verstehe ich nicht. Auch gut.
Die Wodkaflaschen wandern schon mittags über den Ladentisch. Es sind
vor allem die Männer die die Gelegenheit nutzen, allerdings nicht
ohne den Frauen, denen sie im Dorf begegnen "Prasdnikom" zu wünschen
und Bonbons in die Hand zu drücken. Da gibt es auch schon mal ein
Küsschen. Für uns eine Neuheit, da Frauen hier normalerweise nicht
mal die Hand gegeben wird. Eine Form der Ehrerweisung, wie uns versichert
wurde. Die Mädels standen allerdings des öfteren ziemlich dumm daneben,
gerade wenn wir von Offiziellen begrüßt wurden oder zum Essen eingeladen
waren. Man kennt das, die Hand fährt schon aus, doch das Gegenüber
wendet sich schnell ab. Irritation auf beiden Seiten. Inzwischen nehmen
es die Mädels gelassen und holen die Hände einfach nicht mehr aus
den Hosentaschen. |
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Dienstag, 09. März 2004: Wir versuchen Klarheit über den weiteren Verlauf unserer Arbeit
zu bekommen und wenden uns direkt ans Ministerium: General Boltkov.
General Boltkov delegiert aber alle Probleme weiter nach unten an
Oberst Polosijuk. Daß der nichts wirklich verantworten will, wissen
wir schon. Der will unserem Anstaltsleiter Pavel jetzt die Verantwortung
zuschieben. Keiner will etwas verantworten. Wir müssen uns wohl auf
ein zähes Ringen um jeden Punkt einstellen. Immerhin schaffen wir
es wenigstens, den offiziellen Premierentermin klarzustellen. Die
öffentlichen Vorstellungen werden jetzt definitiv auf den 24. März
um 17 Uhr und den 28. März um 12 Uhr festgelegt. |
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Mittwoch, 10. März 2004: Zu dritt, Elke, Peter und Holger, machen wir uns mit dem Bus um
7.20 Uhr, der schon knackend voll ist, auf den Weg ins Frauengefaengnis
nach Moschaijsk. |
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Donnerstag, 11. März 2004: Gegen zehn rücken wir in die Frauen-Kolonie ein und wollen hochmotiviert
in die Dreharbeiten im Klubraum gehen. Aber dort findet gerade der
Wettbewerb um den besten Tanzbeitrag der unterschiedlichen Wohntrakte
statt. Da wird uns noch mal gezeigt, was russische Mädels unter Kultur
verstehen. Bei Georg steigt das Bedauern, daß wir am falschen Ort
arbeiten. |
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Freitag, 12. März 2004: Dem Bericht der Moschaijsk-Reisenden zufolge scheinen wir Daheimgebliebenen
in der Zwischenzeit anstrengendere Proben gehabt zu haben. Die Gunst
der Stunde nutzend, wurden alle Mitspieler in den vergangenen 2 Tagen
zu ausführlichen Text- und Einzelproben bestellt. |
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Samstag, 13. März 2004: Erste Bühnenbildteile sind in der Anstalt fertiggebaut. Das städtische
Müllfahrzeug transportiert uns die Teile zum Klubhaus. Dieses liegt
zwar offiziell auf dem Anstaltsgelände, aber außerhalb der Umzäunung,
knapp 50 m vom Tor entfernt und damit "draußen". Hier wird die Aufführung
stattfinden und natürlich auch der letzte Probenblock. |
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Montag, 15. März 2004: Es ist nach wie vor nicht klar, wann wir in den Klub zum proben
dürfen. Langsam wird es absolut eng. Antworten bekommt man so gut
wie keine mehr. Ich möchte eigentlich auch endlich das Material für
das Bühnenbild kaufen, aber es ist kein Auto zu bekommen. Alle sind
irgendwie besetzt. Das ganze Wächterpersonal rückt dann mit einem
dieser Autos zu Schießübungen aus. |
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Montag, 16. März 2004: Endlich schaffe ich es, ein Auto zu bekommen und fahre zum Baumarkt,
um verzinkte Metallblechplatten zu kaufen, aus denen das Bühnenbild
bestehen soll. Die Verkäufer freuen sich über das gute Geschäft und
mit Händen und Füßen gestikulierend können wir alle Fachbegriffe klären.
Natürlich gibt es dann doch wieder einige wichtige Sachen nicht und
ich muss mir einige Umweglösungen einfallen lassen. Im Klubhaus beginne
ich sofort mit dem Bau. Das Material bewährt sich ganz gut, alles
funktioniert so etwa wie geplant. |
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Mittwoch, 17. März 2004: Jochen Hahn, der Organisator des Moskau-Berliner Kulturaustausches,
hat sich angesagt, um sich eine Probe anzuschauen und die Gegebenheiten
vor Ort zu begutachten. Er hat gleich noch zwei Journalistinnen im
Schlepptau. Irgendwann steht dann ein Termin mit Pavel, dem Anstaltsleiter
auf dem Programm. Die großen Männer streicheln sich eine Weile, dann
werden noch die weiteren Schritte verhandelt. Es geht zäh hin und
her. Schließlich kommt aber dann doch dabei heraus, dass wir ab morgen
in den Klub zum proben können. Zwar können nicht immer alle bei allen
Proben dabei sein, sondern einige Proben sind nur für die Hälfte der
Gruppe angesetzt. Aber uns fällt ein Stein vom Herzen, denn es ist
höchste Eisenbahn, und keiner hat mehr wirklich Lust in unserer Muchtbude
im 3. Otriad zu proben. |
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Donnerstag, 18. März 2004: Kurz vor Probenbeginn, unsere Mannschaft steht schon in Reih und
Glied am Anstaltstor, fällt plötzlich auf, dass vom Ministerium noch
gar keine Rasruschenie (Genehmigung) vorliegt, weil dort heute offenbar
alle geschlafen haben und nicht gemerkt haben, dass sie noch einen
Stempel auf unseren Maßnahmenplan machen müssen. Es setzt wieder ein
hektisches Herumtelefonieren ein. Nach ca. 1½ Stunden steht dann fest,
dass der Verantwortliche heute dazu nicht mehr in der Lage ist, aber
für morgen sei jetzt alles geregelt, da geht alles klar. So richtig
überzeugt sind wir von dieser Ansage nicht und trotten niedergeschlagen
in unseren alten Probenraum im 3. Otriad. Probenzeit zu verschenken
können wir uns keinesfalls mehr leisten jetzt. |
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Freitag, 19. März 2004: Das Bühnenbild steht in den Grundzügen. Es steht aber noch viel
Fummelarbeit an. In der Anstalt wurden auch noch zwei Treppen für
uns gebaut. Sie sind leider krumm und schief geworden und auch noch
eine Stufe zu hoch. Deshalb ragen sie jetzt kreuzgefährlich in den
Raum. Die Wände wackeln auch noch gewaltig. An einigen Stellen an
der hinteren Bühnenwand muss man aufpassen, dass man nicht in den
Keller durchstürzt, denn einige Bretter sind vollkommen durchgefault.
Die Verantwortlichen fordern von mir, dass ich die marode Rückwand
abhänge, da man so was ja nicht zeigen darf, so was ja nicht schön
ist. |
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Samstag, 20. März 2004: Lichtaufbau im Klub. Wir müssen uns an die Starkstromanlage der
Anstalt anschließen. Das geht nur über freie Verkabelung. Der Elektriker
Mischa, welcher in der Unterkunft für auf Bewährung Entlassene haust,
scheint nicht wirklich vertrauenserweckend. Aber er versteht schnell,
was ich von ihm will und rennt nicht gleich wieder weg von der Arbeit,
sondern guckt, ob es wirklich funktioniert. Wenn wir allerdings im
Saal das Licht anmachen, geht es draußen aus. Der Dimmer lässt sich
auch nicht richtig betätigen, es geht nur 0 oder 100%. Es werden noch
alle Umpolungen probiert, aber der Strom schwankt. Alle haben Angst,
dass wir mit unserem Stromverbrauch den Stromkreislauf der Kolonie
lahm legen. |
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Sonntag, 21. März 2004: Sonntagsprobe von 9.30 bis 12.30 Uhr. Wir kommen so halbwegs durch
das Stück, das Ende schaffen wir aber in der Zeit nicht. Alle Abteilungen
arbeiten auf Hochtouren, letzte Besorgungen werden in Auftrag gegeben.
Nachmittags Einzelproben in der Schule. |
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Montag, 22. März 2004: Noch mal Material besorgen für die Bühne, es wird jetzt doch langsam
alles ganz schön monumental. Die Spannung steigt. Heute kommt auch
noch ein Bergsteiger mit Ausrüstung, weil als Abschlussbild das Erhängen
des Bürgermeisters geplant ist. Also muss ich erst mal lauter Hänge-Varianten
ausprobieren. Zu guter Letzt wird eine Variante gefunden, die möglich
erscheint. Ob es allerdings in den Ablauf mit Umzug einzupassen ist,
ist noch nicht absehbar. |
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Dienstag, 23. März 2004: Die Kostüme sind jetzt auch da. Generalprobe. Der Fotograf will
erst 100$ die Stunde, gibt sich dann aber großmütig mit 100$ den Tag
zufrieden. Er schleicht überall herum und wird erst aus der Garderobe,
dann von der Bühne vertrieben und setzt sich direkt neben mich und
ich habe ständig sein Klicken im Ohr. Auch ich jage ihn kurzerhand
fort. Bald darauf sitzt er hinter mir, dann kniet er wieder vor mir,
schließlich habe ich ihn erneut neben mir sitzen. Mir reichts, ich
verziehe mich auf die hinteren Plätze des Zuschauerraums und lasse
ihm seinen Sieg. |
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Mittwoch, 24. März 2004: Premiere. Drei Kamerateams haben sich angekündigt. Am Ende sind
es acht. Wir müssen sie vor dem Publikum in den Zuschauerraum lassen,
um ihnen die Positionen zuzuweisen. Das erste russische Fernsehen
postiert sich direkt vor dem Lichtpult, als wir sie verjagen wollen,
bemerken sie nur lakonisch: "Gern, wenn ihr wollt, daß das erste russische
Fernsehen schlecht über die Inszenierung berichten soll!" |
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Montag, 29. März 2004: Gestern war die letzte Vorstellung auf unserer Bühne in Ikscha.
Ab jetzt heißt es Kompromisse mit Licht, Raum und den Auf und Abtritten
der Jungs eingehen. Das wird sich nicht gerade günstig auf die Bilder
auswirken. Die Bühne im Klubhaus wuchs in den Zuschauerraum hinein.
Es gab ein Oben und Unten. Diese unterschiedliche Höhe hatte ihre
Bedeutung. Ich werde versuchen, jetzt mehr mit vorne und hinten zu
arbeiten. Doch wird das nicht die gleiche Wirkung haben. |
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Freitag, 02. April 2004: Nachdem wir noch zwei Vorstellungen in der Anstalt selbst machen
konnten, um den 280 nicht zur Vorstellung zugelassenen Jungs unsere
Arbeit zu zeigen, ging es dann 100 km westlich nach Moschaisk in die
Frauenkolonie. Mit einem Fahrer von der Anstalt, der die Strecke schon
10 Jahre nicht mehr gefahren war und glaubte, wir wollten nach Minsk.
Nach lautstarkem Intervenieren unsererseits bog er dann aber doch
auf die Moschaisker Allee ab, einer Parallelstrasse zur Wolokolamsker
Chaussee. |
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Samstag, 03. April 2004: Am Morgen gibt es Haferschleim und Hirse mit Leber. Wir nehmen ein
Taxi und sind pünktlich um 10 Uhr am Tor des Frauenlagers. Der SIL
mit der Bühnendeko ist schon da. Nach einer Stunde dürfen wir endlich
auf das Anstaltsgelände und beginnen mit dem Aufbau. Nach 7 Stunden
steht alles und wir beginnen unseren Stadtbummel. |
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Sonntag, 04. April 2004: Die Bühne ist viel kleiner. Verschiedene Auftritte müssen anders
organisiert werden. Wir haben dazu genau eine Stunde Zeit. Mehr gibt
uns die Kommandeurin des Lagers nicht. Die Jungs kommen pünktlich.
Als erstes in die Kostüme, dann die Abgänge und Bilder durchgehen.
Alle reden durcheinander. Ich hatte mir gestern noch einen Zettel
gemacht, doch finde ich ihn nicht mehr. Um 12 Uhr stürmen 250 Frauen
in blauen Wattejacken und braunen Kopftüchern den Saal. Rufen, Kampf
um Plätze. Schreie der Ordnerinnen. Zu erkennen an schwarzen Armbinden.
Die Jungs zittern hinter der Bühne. Von dort hört sich der Saal wie
ein Fleischmarkt an. Er ist es wohl auch. |
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Mittwoch, 07. April 2004: Der Flieger geht am 9.04., ein Freitag. Ostern zu Hause. Daheim
ist viel liegen geblieben. Ich freue mich auf den Frühling. Morgen
ist ein letztes Treffen mit den Jungs. Abschied nehmen. |
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