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INCJ Podcast

Drama in Prisons Berlin Style

 

 

In dieser Podcast-Folge, moderiert von John Scott und Xiaoye Zhang, wird das Gefängnistheater als ernstzunehmende künstlerische Praxis und als Mittel zur Wiederannäherung von Gefängnissen an die sie umgebende Gesellschaft beleuchtet. In einem weitreichenden Gespräch mit Holger Syrbe, Mitbegründer des Berliner Theaterprojekts Aufbruch, wird untersucht, wie Theater in Haftanstalten funktionieren kann, ohne auf Therapie, Verhaltensmanagement oder kurzfristige Interventionen reduziert zu werden.

 

Die Folge ist Teil der Reihe IN-CJ Just Arts, die Praktiker zusammenbringt, die an der Schnittstelle von Strafrecht, Kultur und Gemeinschaftsleben arbeiten. Im Mittelpunkt dieser Diskussion steht die langfristige, professionelle Theaterarbeit in deutschen Gefängnissen, wo Insassen mit Unterstützung eines externen Künstlerteams Theaterstücke entwickeln und aufführen. Die Arbeit ist anspruchsvoll, intensiv und ausdrücklich öffentlich, da das Publikum die Aufführungen gemeinsam mit den inhaftierten Teilnehmern im Gefängnis verfolgt.

 

Holger reflektiert über die Ursprünge von Aufbruch und die dem Projekt zugrunde liegende Philosophie. Der Name selbst signalisiert bereits die Absicht: Aufbruch bedeutet einen Neuanfang oder einen frischen Start, während der vollständige Titel des Projekts die Beziehung zwischen Kunst, Gefängnis und Stadt betont. Das Ziel ist nicht nur, kreative Aktivitäten hinter Gefängnismauern anzubieten, sondern Gefängnisse wieder in den Blickpunkt der Öffentlichkeit zu rücken und die Gesellschaft daran zu erinnern, dass die Inhaftierten Teil des sozialen Gefüges bleiben.

 

Das Gespräch zeigt, wie Holgers eigener Hintergrund in Ostdeutschland, geprägt von ideologischen Zwängen, Underground-Kunstszenen und politischem Wandel, seinen Ansatz in Bezug auf künstlerische Freiheit und Institutionskritik geprägt hat. Dieser Kontext erklärt, warum Aufbruch sich konsequent gegen eine enge Definition von Gefängniskunst als reines Rehabilitationsinstrument gewehrt hat. Stattdessen behandelt das Projekt Theater als Theater, stellt hohe künstlerische Anforderungen an die Teilnehmer und erwartet Engagement, Zusammenarbeit und Disziplin während der langen Probenphasen.

 

Ein wiederkehrendes Thema in der Diskussion ist die Bedeutung des Publikums. Theater, so Holger, braucht Zeugen. Aufbruch besteht daher auf öffentlich zugänglichen Aufführungen und schafft so seltene Räume, in denen Menschen von außerhalb des Gefängnisses eintreten, beobachten und sich einbringen können. Diese bewusste Überschreitung von Grenzen stellt die physische und symbolische Trennung, auf die Gefängnisse angewiesen sind, in Frage und überträgt gleichzeitig der Institution die Verantwortung, Sichtbarkeit und Risiken zu tolerieren.

 

Die Folge untersucht auch die interne Dynamik der Theaterarbeit im Gefängnis. Konflikte entstehen in Bezug auf Vertrauen, Status, Vorstrafen, Sprachbarrieren und Widerstand gegen Rollen oder Texte. Diese Spannungen werden nicht vermieden oder geglättet, sondern werden Teil des Prozesses. Das Erlernen der Zusammenarbeit, das Aushandeln von Meinungsverschiedenheiten und die Übernahme von Verantwortung für ein gemeinsames Ergebnis werden als Kernelemente der Praxis dargestellt und nicht als von außen auferlegte Ziele.

Wichtig ist, dass die Diskussion vereinfachende Behauptungen über messbare Ergebnisse wie eine Verringerung der Rückfallquote vermeidet. Holger macht deutlich, dass Theater nicht als technische Lösung für komplexe soziale Probleme behandelt werden kann. Stattdessen liegt sein Wert in beobachtbaren Veränderungen in Bezug auf Selbstvertrauen, Kommunikation, Selbstorganisation und soziale Interaktion sowie in den Botschaften, die dem Publikum und den Institutionen darüber vermittelt werden, wozu Menschen im Gefängnis fähig sind.

 

Auch die internationale Dimension des Gesprächs ist von Bedeutung. Es werden Vergleiche mit Gefängnistheatertraditionen in Italien, mit in Großbritannien verbreiteten gemeindebasierten und therapeutischen Modellen und mit neuen grenzüberschreitenden Kooperationen gezogen. Diese Überlegungen unterstreichen, wie kulturelle Annahmen das prägen, was innerhalb von Gefängnissen erlaubt ist, und wie Kunst gegenüber den Behörden gerechtfertigt wird. Sie heben auch die Bedeutung des transnationalen Austauschs hervor, um die Vorstellungen von Praktikern und politischen Entscheidungsträgern darüber, was möglich ist, zu erweitern.

 

Insgesamt bietet diese Podcast-Episode einen fundierten und reflektierten Überblick über das Gefängnistheater als zivilgesellschaftliche und kulturelle Praxis. Sie lädt die Zuhörer dazu ein, Gefängnisse nicht nur als Orte der Bestrafung und Kontrolle zu betrachten, sondern als Orte, an denen ein sinnvolles öffentliches Engagement stattfinden kann. Indem sie sich auf professionelle künstlerische Arbeit statt auf symbolische Gesten oder kurzfristige Programme konzentriert, wirft die Diskussion herausfordernde Fragen zu Sichtbarkeit, Verantwortung und der Rolle der Kultur in Strafrechtssystemen auf.

Zuhörer, die sich für Resozialisierung, Kunstpraxis, Strafpolitik oder internationale Strafjustiz interessieren, werden diese Folge sowohl praktisch informativ als auch konzeptionell provokativ finden, da sie Erkenntnisse bietet, die weit über den Berliner Kontext hinausgehen.

 

 

Zur Folge:

https://criminaljusticenetwork.net/incj-podcast-drama-in-prisons-berlin-style/

 

 

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