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Vorschau: NATHAN DER WEISE
von Gotthold Ephraim Lessing
Jerusalem, Ende des 12. Jahrhunderts. Der Jude Nathan kehrt von einer Geschäftsreise in die muslimisch regierte Stadt zurück und erfährt, dass seine Tochter Recha von einem christlichen Tempelritter aus seinem brennenden Haus gerettet wurde. Das Mädchen glaubt fortan an einen Schutzengel. Es entwickelt sich eine Geschichte, in der Christen, Juden und Muslime in eine so komplizierte wie unwahrscheinliche Familiengeschichte verwickelt werden, die alle herkömmlich festgefügten Bindungen und religiösen Verankerungen zum Beben bringt. Damit nicht genug. Nathan, den alle den Weisen nennen, wird zum Sultan bestellt, der eine Antwort auf die höchst heikle Frage haben will: Welcher Glaube ist der einzig wahre und richtige?
Nathan hat eine durchaus überzeugende Antwort: Es ist eben jene Parabel vom Vater, der von alters her einen Ring besitzt, den er seinem liebsten Sohn vermachen soll, um diesem die Herrschaft über sein Haus zu übertragen. Da sich der Vater zwischen seinen drei Söhnen nicht entscheiden kann, lässt er zwei weitere, ganz gleiche Ringe herstellen und gibt jedem seiner Söhne einen Ring. Die Unmöglichkeit, den „echten“ Ring von den beiden anderen zu unterscheiden, steht in der Parabel für die Unmöglichkeit, den wahren Glauben erkennen zu können.
Der „wahre“ Glaube erweist sich also in der Anerkennung anderer Lehren. Der Wettstreit zwischen den religiösen Bekenntnissen, der hier aufgerufen wird, ist seinem Wesen nach zutiefst diesseitig. Denn entscheidend sind nicht immer nur die herrschenden (politischen, staatlichen, gesellschaftlich normierten) „Wahrheiten“ und deren unkritische Befolgung – wichtiger als jede verordnete Wahrheit ist der Mensch, der sie sucht. Die Wahrheit ist Bewegung, nicht Zustand.
Man begreift bei Lessing einmal mehr, dass wahre Toleranz dort beginnt, wo etwas weh tut. Nämlich das Fremde, das Unbekannte. Wo also der Kompromiss gilt, nicht die Vorherrschaft. Das erst ist Toleranz: würdige Arbeit am Widerspruch, am Riss, am Unterschied, und wirklicher Frieden entsteht nicht durch das Verdrängen, sondern durch das bewusste Leben mit diesen oftmals anstrengenden Unterschieden.
Der Widerspruch zwischen Fremdem und Vertrautem treibt die Menschen in „Nathan der Weise“ durch den dunklen Raum ihrer individuellen und sozialpolitischen Geschichte. Zunächst weiß in dieser Geschichte keiner so richtig, wer er ist, wo seine Wurzeln liegen. In dem Maße aber, wie es gelingt, den fremden Menschen zum Vertrauten zu machen, gerät jeder auch mit sich selber mehr und mehr in Übereinstimmung. Die Menschen gelangen - nach Irren und Wirren - in einen Zielraum, der alles Zusammengehörige glücklich verbindet. Denn: Gibt es Glücklicheres als einen Menschen, der von einem anderen Menschen verstanden wurde?
Eine Open-Air-Theaterproduktion von aufBruch in Kooperation mit dem Kulturbiergarten Jungfernheide
Es spielt ein gemischtes Ensemble aus Freigängern, Ex-Inhaftierten und Schauspielern.
Spielort:
Gustav-Böß-Freilichtbühne in der Jungfernheide
Zugang über:
Kulturbiergarten Jungfernheide
Heckerdamm 274
13627 Berlin.
BITTE DER AUSSCHILDERUNG FOLGEN
Anfahrt:
U7 „Halemweg“
zzgl. 20 Minuten Fußweg
